Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1695025
Allgemejne Bemerkungen. 
233 
War der Sinn auf das Einzelne der Erscheinung gerichtet, so lehrte das 
Christenthum, dass auch in der Brust des Einzelnen die Gottheit wohne, 
dass auch in der Beschränktheit der irdischen Existenz der Geist sich 
zu offenbaren vermöge; demgemäss konnte sich mit einer, sogenannt na- 
turalistischen Durchbildung gar wohl aufs Neue ein geistig bedeutsamer 
Inhalt verbinden, und die Reinigung der Form, auf welche das Studium 
der Antike hinführte, konnte zu dem, um so angemessneren Ausdrucke 
desselben dienen. Die Sinnigkeit des germanischen Volksgeistes aber 
lehrte auch die aussermenschliche Natur als ein Verwandtes empfinden, 
auch hier das Schaffen und Wehen des Geistes erkennen, der die Gefühle 
und die Gedanken des Menschen bewegt. So war dem künstlerischen 
Streben auf's Neue ein vorzüglichst reicher Inhalt geboten, und mannig- 
faltige und ergreifende Werke entstanden, wie sie keine frühere Periode 
der Kunst gesehen hatte. 
Jene wissenschaftliche Richtimg der Zeit brachte der bildenden Kunst 
zugleich einige äussere Fördernisse, welche auch auf deren innere Ent- 
wickelung wesentlich zurückwirken mussten. Hatte sich jene solide Tech- 
nik der Wandmalerei, welche wir mit dem Namen der Freskomalerei 
bezeichnen, bereits am Ende der gothischen Kunstperiode ziemlich voll- 
ständig entwickelt, so ward jetzt eine solche Bereitung der Oelfarben 
erfunden, dass diese für den künstlerischen Gebrauch nicht nur überhaupt 
anwendbar, sondern dass sie zugleich geeignet waren, die Form auf's 
Vollkommenste durchzubilden, die Effekte der Erscheinungen der Natur 
wirkungsreieh wiederzugeben, und dies wenigstens mit einer Leichtigkeit 
und Sicherheit, wie keine früher übliche Technik dazu die Gelegenheit 
geboten hatte. Dann erfand man verschiedene Arten einer künstlerischen 
Technik, welche die bildliche Darstellung durch rein mechanische Mittel 
zu vervielfältigen gestatteten:  Holzschnitt und Kupferstich. 
Zwar gaben diese Künste nur eine mehr oder weniger ausgeführte Zeich- 
nung wieder, aber sie erlaubten deren Verbreitung im weitesten Kreise, 
so dass fortan der Einfluss der künstlerischen Individualität nicht mehr 
auf die näheren Umgebungen derselben oder auf die Wirkung, die ein 
Einzelnes ihrer Werke ausübte, beschränkt blieb. Dies veranlasste, in 
einer Periode, in welcher die Bedeutung des Individuums viel wichtiger 
war, als früher, eine Wechselwirkung zwischen den Individualitäten, 
welche die Einseitigkeit des künstlerischen Schaffens wesentlich beschrän- 
ken musste. Dazu kam aber auch, dass überhaupt der Verkehr der 
Menschen stets reger und lebendiger ward, und dass die Künstler dem- 
gemäss, ungleich mehr als früher, darauf Bedacht nahmen, sich durch 
Studienreisen, oft in ferne Lande, zu bilden.  
Was den Elltwißkelllngßgang der modernen Kunst anbetrifft, so ge- 
staltet sich derselbe, seinen allgemeinen Zügen nach, in folgender Weise. 
Die Zeit des 15. Jahrhunderts bezeichnet den Beginn der neuen Rich- 
tung, die Periode, in welcher alle Kräfte aufgeboten werden, um der 
neuen Elemente der künstlerischen Darstellung Herr zu werden; dabei 
aber sieht man häufig, bei aller als modern zu bezeichnenden Absicht 
im Einzelnen, in der Fassung des Ganzen noch den Geist der mittelalter- 
liehen (romantischen) Zeit wirksam. Italiener, Niederländer und Deutsche
        

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