Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1694976
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Die Kunst des gothischen Styles. 
In Mailand giebt S. Maria delle Grazie (1463 gegründet) ein 
bemerkenswerthes Beispiel für die weiträumige italienische Innendisposi-r 
tion, die mehr auf die Breite als auf die Höhe geht; das Mittelschiff hat 
in seinen wenig erhöhten Oherwänden keine Fenster; an die Seitenschiife 
schliesst sich jederseits eine Kapellenreihe.  Ausserdem wurde am Dom 
zu Mailand, wie schon oben bemerkt, in der ganzen Schlussepoche der 
Gothik noch fortgearbeitet.  In Venedig gehört die in glänzend schwe- 
ren Spätformen behandelte Fagade von S. Maria dell Orto (nach 
1473) hieher. 
An Profanbauten ist aus dieser Epoche ebenfalls nicht so viel Er- 
hebliches zu erwähnen. In Venedig datirt die „Porta della Carta", 
die Verbindungshalle zwischen dem an der Piazetta gelegenen Flügel 
des Dogenpalastes und der Marcuskirche, vom J. 1439. Von einem 
Maestro Bartolommeo ausgeführt, zeigt sie die charakteristisch bunten 
schmuckvollen Formen der Spätzeit.  Ein bedeutender Bau ist der im. 
J. 1457 nach den Plänen des Antonio Filarete begonnene ältere 
Theil des Ospedale Maggiore zu Mailand, an welchem die gothi- 
sehen Formen, namentlich spitzbogige Arkadenfenster, mit Renaissance- 
Motiven, Wandsäulen mit Halbkreisbögen und antikisirende Gesimse, in 
glücklicher Weise verschmolzen erscheinen; die Ausführung in gediege- 
nem Backsteinmaterial.  
In Toscana, wo die Renaissance zuerst auftrat, haben wir von 
spätgothischen Werken nur die Loggia degli Ufficiali zu Siena 
vom J. 1417 als eine verkleinerte Nachahmung der Loggia dei Lanzi 
aufzuführen. 
Eine etwas reichere Nachblüthe erlebt die Gothik in Sicilien, je- 
doch in den dieser Gegend eigenthümlichen, das Wesen des Styles stark 
umgestaltenden Besonderheiten. An der Kathedrale zu Palermo datirt 
das Portal der Westseite, mit bunten Marmorsäulen, reicher Bogenglie- 
derung und kräftiger Umrahmung, aus d. J. 1421, das ähnliche Portal 
der Südseite' vom Jahr 1426, die damit verbundene Vorhalle mit stark 
überhöhten Spitzbögen auf Säulen vom J. 1450.  Die Kirche Sta. Ma-- 
ria degli An geli (la Gangia) daselbst, seit 1430 aufgeführt, hat abwei- 
chend von den übrigen Monumenten des Landes ein fein entwickeltes 
Rundbogensystem. Andere spätgothische Kirchen Palerm0's bleiben dem 
Spitzbogen treu; so die Kirche des Spedale grande seit 1433; die zer- 
störte Kirche S. Maria dello Spasimo vom Jahr 1506, und die um 
1512 erbaute S. Maria delle Grazie. 
Die späteren Paläste zu Palermo haben einen entschieden nordi- 
schen Charakter. Dahin gehören: der Pal. Aiutami-Cristo vom 
Jahr 1485, unten mit flachbogiger, oben mit spitzbogiger Säulenhalle; 
der Pal. Patilla, jetzt Kloster della Pieta, vom Jahr 1495, der an die 
spätgothischen Schlossbailten Englands erinnert.  Andres der Art in 
Taormina. 
' Denkmäler der 
Kunst, 
L
        

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