Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1694359
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des gothischen Styles. 
Die Kunst 
gothischen Styl befolgte, ist Giotto, Sohn des Bondone (1276-1336). 
Wir haben dieses Künstlers bereits unter den Baumeistern und Bildhauern 
der Zeit gedacht; seine Hauptthätigkeit gehört dem Fache der Malerei 
an. Werke dieser Art von seiner Hand finden sich in den verschieden- 
sten Gegenden Italiens, indem Städte und Herren wetteifernd um ihren 
Besitz bemüht waren. In den Gemälden Giottds (wie an den, unter sei- 
ner Leitung gefertigten Sculpturen am Glockenthurme des-Domes von 
Florenz) tritt zuerst jene tiefbedeutsame und ernste Gedankenfülle hervor, 
welche der Horentinischen Kunst ihre Richtung verzeichnete; mit gross- 
artiger Energie weiss er den Gegenstand seiner Darstellung zu erfassen, 
ihn in lebendiger Charakteristik zu gestalten. Dies zwar nur in den all- 
gemeineren, für das Ganze des Gedankens wirksamen Zügen; eine zarte 
Durchbildung bis in das einzelne Detail hinab lag ausserhalb seiner 
künstlerischen Bestrebungen, und selbst auf die Entfaltung einer edleren 
Schönheit kam es ihm im Wesentlichen nicht an; im Gegentheil kehren 
bei ihm (namentlich in den Gesichtsbildungen) gewisse, fast unschöne 
Typen sehr häufig wieder; man dürfte, wenn man seine Werke in ihren 
Einzelheiten anatomisirt, sogar geneigt sein, sie als einen Rückschritt im 
Verhältniss zu den Leistungen des Duccio, selbst des Oimabue, zu be. 
trachten. Anders aber ist es, wenn man seine Werke in ihrer grossar- 
tigen Ganzheit betrachtet; und vornehmlich nur seine grossräumigen Ma- 
lereien geben den Maassstab für seinen Geist und für sein Talent. Hier 
zeigt es sich, bis zu welchem Grade Giotto neu und schöpferisch war; 
die wichtigsten Bedingungen aller Composition, die vollkommen lebendige 
Bezeichnung des Momentanen, die edle Anordnung im Raum, die spre- 
chende Entwickelung des Vorganges sind hier zuerst entschieden für die 
Kunst gewonnen.  Zu diesen Werken gehört zunächst der colossale 
Cyclns von Wandmalereien, welche er im noch jugendlichen Alter (1303) 
im Oratorium S. Annunziata delP Arena zu Padua ausführte. 1 Sie stel- 
len die Geschichte der heiligen Jungfrau, mit Einschluss des Lebens ihrer 
Eltern und ihres göttlichen Sohnes dar; im Ohore des Kirchleins den Tod 
und die Verklärung der Jungfrau, und, diesen Darstellungen gegenüber, 
an der Einga-ngswand, das jüngste Gericht und unter demselben die alle- 
gorischen Gestalten der Tugenden und der Laster; die letzteren in sinn- 
reicher Gegenüberstellung und Entwickelung des Gedankens.  Sodann 
die Malereien an dem Theil des Gewölbes der Unterkirche von S. Fran- 
cesco zu Assisi, welcher sich über dem Grabe des heil. Franeiscus be- 
findet. Diese enthalten, in eigenthümlich geistreichen Allegorieen, die 
drei Gelübde des Franciscanerordens und eine Darstellung des hl. Fran- 
ciscus in himmlischer Verklärung; in poetischer Weise ist namentlieh das 
Gelübde der Armuth ausgeführt, indem man hier, unter sinnvoller Um- 
gebung, den hl. Franciscus vorgestellt sieht, der durch Christus mit der 
Armuth, als seiner Braut, vermählt wird. Zu diesem Bilde hatte Dante's 
göttliche Komödie? den Anlass gegeben; es ist zu bemerken, dass die 
ganze, diesem Gedichte zu Grunde liegende Anschauungswcise auf die 
 
1 Selvatico sulla cappellina degli scr0v'  11' d" p 1 
ster, Paduaniscile Wandgemälde.  2 Paraldgigäniüfaäegg,  w 0m. 
För-
        

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