Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1694340
Dritte Periode. 
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Gepräge, und die verschiedenen Schulen sondern sich demgemäss auf eine 
deutlich erkennbare Weise von einander. Doch ist zu bemerken, dass 
der gothische Styl in die italienische Malerei noch später eingeführt ward 
als in die Sculptur. Ohne Zweifel geschah dies nach dem Vorbilde und 
unter wesentlichem Einfluss der letzteren; dabei aber finden wir, dass 
auch, als ein besondres fremdländisches Element, die in Frankreich ge- 
übte llliniaturmalerei des gothischen Styles für die weitere Entwickelung 
der italenischen Malerei wirksam war. Das französische Herrscherge- 
schlecht, welches seit Karl von Anjou (seit 1266) den Thron von Neapel 
inne hatte, bietet für dies Verhältniss die natürliche Vermittelung; eine 
Handschrift des Tristan, aus der späteren Zeit des 13. Jahrhunderts, die 
mit zahlreichen und sehr beachtenswerthen Bildern gothischen Styles ge- 
schmückt und in Italien, höchst wahrscheinlich am Hofe von Neapel ent- 
standen ist, (gegenwärtig in der Pariser Bibliothek) ' gibt dafür ein 
interessantes Zeugniss.  Was im Verlauf des 14. Jahrhunderts an ita- 
lienischen Miniaturmalereien gefertigt ward, schliesst sich im Wesentlichen 
denjenigen Richtungen an, die an den grösseren Werken dieses Faches 
bemerklich werden. Vorläufig mag hier indess eines namhaften iloren- 
tinischen Miniaturmalers, des Don Silvestro, gedacht werden, der um 
1350 blühte und dessen Arbeiten höchlichst gerühmt werden. 1' 
WVie in der Sculptur, so gehört auch in der Malerei des gothischen 
Styles die ausgedehnteste und erfolgreichste Thätigkeit Toskana an. 
In der toskanischen Malerei dieser Periode treten zwei Hauptrichtungen 
oder Schulen auseinander; der Mittelpunkt der einen ist Florenz, der 
der andern Sien a. Der Unterschied zwischen beiden Richtungen beruht 
vornehmlich darin, dass bei den Florentinern und bei den Künstlern, 
welche ihnen folgten, eine eigenthümliche Regsamkeit und Rüstigkeit des 
Geistes sichtbar wird, dass sie mit lebendig bewusstem Sinn auf das Le- 
ben in seinen mannigfach wechselnden Erscheinungen eingehen und jenes 
Verhältniss des Irdischen zum Geistigen in reichen dichterischen und 
allegorischen Darstellungen aussprechen; während die Sieneser mehr eine 
tiefe Innerlichkeit des Gefühles offenbaren, die nicht jenes Reichthuines 
der Gestalten bedarf, die im Gegenthcil (soweit es das Gesetz des gothi- 
scheu Styles erlaubt) mehr an den überlieferten Gebilden festhält, aber 
diese mit liebevoller Wärme durchdringt und verklärt. Bei jenen ist es 
somit das Gedankenreiche der Composition und das Streben nach Cha- 
rakteristik, bei diesen die seelenvolle Anmuth der einzelnen Gestalten, 
was als vorzüglich bedeutend in ihren ,Werken erscheint. Natürlich 
konnte dabei eine mannigfaltige Wechselwirkung nicht ausbleiben, so 
dass die beiden Richtungen nicht überall mit gleicher Schärfe von einan- 
der zu sondern sind. 
Der erste grosse Meister der florentinischen Schulef der den 
 
1 Vvaagen, Kunstwerke und Künstler in Paris, S. 315.  2 S. die Beilage 
zum VI. Bande des Lemonnier'schen Vasari.  Die grosse und massenhafte Mi- 
lliaturmalerei beginnt doch erst mit dem 15. Jahrhundert.  3 Kupfer-werke nßßh 
Gemälden der florentinischen Schule (ausser den obengenannten): Kuhbeil, Studien 
nach altüorentinischen Meistern.  Sammlung von Lasinio nach ebendenselben.  
Lasinio, pitt. a fresco del campo santo di Pisa.  Denkm. d. Kunst, T. 62. 63.
        

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