Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1694152
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des gothischen 
Die Kunst 
Styles. 
Das Vorherrschen des weissen Marmors, auch in den ausser- 
toscanischen Arbeiten höherer Gattung, modiiicirt diesen ganzen Styl sehr 
namhaft, indem dabei eine andere Art von Beseelung des Einzelnen 
verlangt wird als in der Regel bei den Materialien der nordischen Sculp- 
tur.  Sehr wesentlich ist auch die ungleich grössere Begünstigung des 
Reliefs, indem sowohl die Bautheile selbst (Kirchenfagaden, Innenseiten 
der Kirchenmauern etc.) als die dem Oultus dienenden einzelnen Gegen- 
stände (Altäre, Kanzeln u. dgl.) nicht so rücksichtslos durch verticale 
Proiilirungen, Stabwerk und Maasswerk zerschnitten wurden wie in der 
nordischen Gothik. 
Endlich kommt die grössere Freiheit des Sachinhaltes in Betracht. 
Die Allegorie, als Einzelgestalt wie als ganze Scene oder Thätigkeit, 
wird kühner und reichlicher gehandhabt; der Fülliigur und der Stütz- 
figur wird eine häufige und oft sehr sinnreiche Anwendung zu Theil, an 
den Grabmälern begegnet man einer Fülle von sachlichen Beziehungen 
in plastischem oder farbigem Ausdruck. Das durchgängige Vorherrschen 
des Sarcophages  auf Säulchen oder Stützfiguren, oder auf Hacher Erde, 
oder auf Consolen;  in einer Nische oder an der flachen Wand; mit 
oder ohne Ueberbau  giebt ihnen einen Charakter, der wesentlich von 
dem des nordischen Grabes abweicht. (Bei letzterem ist die Grabplatte 
das Charakteristische, weil der Todte unter der Erde und nur ausnahms- 
weise in einem sichtbaren Sarcophage ruht.) 
In marmorarmen Gegenden wie z. B. die Romagna und Lombardei, 
machen sich bereits grössere Gruppen von gebranntem oder ungebrann- 
tem Thon über den Altären oder abgesondert in Nischen geltend; nur 
sind aus dieser Zeit die Wenigsten erhalten.  In edeln Metallen wur- 
den einzelne mächtige Altarschreine und Reliquiarien gearbeitet. Der 
Erzguss dagegen nimmt unter den erhaltenen Denkmälern keine bedeu- 
tende Stelle ein. 
Wir müssen hier wieder bei Giovanni Pisano (s'est 1320),' dem 
Sohne des Nicola, anknüpfen, insofern derselbe auf die Grenzscheide der 
Zeiten, in das 13. Jahrhundert zurück, in das 14. vorwärts weist (S. 84 u.  
Von dem classischen Streben seines Va.ters war wenig auf ihn überge- 
gangen; dagegen vereinigt er auf die merkwürdigste Weise eine höchst 
energische Phantasie, einen z. B. im Nackten oft ganz befremdlich her- 
vorbrechenden Naturalismus und die allgemeinen Gesetze des gothischen 
Styles, welcher wesentlich mit ihm in die italienische Kunst hineinkain. 
 Er hatte zunächst Antheil an den Sculptmren der Domfagade von 
Orvietof wo ausser ihm noch andere Schüler seines Vaters, auch der 
oben (S. 84) genannte Arnolfus und mehrere deutsche Bildhauer arbei- 
teten. Diese Sculpturen stellen, ausser einer Madonna und den Aposteln, 
Scenen des alten und des neuen Testamentes und das jüngste Gericht 
(lar; in ihnen klingt zum Theil noch, bei vorwaltend gothischer Behand- 
lung," die Richtung des Nicola Pisano in der allerschönsten Weise nach. 
 
Grunerä 
Basreliefs 
der 
Vorderseite 
des 
Domes 
VOR 
Orvieto.
        

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