Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1694141
Dritte Periode. 
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lieh heitern und offnen Naivetät.  Ein grosses steinernes und bemaltes 
Altarrelief in der St. Peterskirche zu München.  Im Besitz des her- 
zoglich nassauisehen Archivars Habe] zu Sehierstein: ein Altarsclueinß 
der eine in Thon gebrannte Darstellung der Kreuztragung Christi ent- 
hält und sich durch die sehr zarte Ausbildung des gothischen Styles, so- 
wie den tief gemüthvollen Ausdruck der heiligen Gestalten auszeichnet. 
Italienß 
Schon vom Ende des 13. Jahrhunderts an nimmt die Kunst in Ita- 
lien wesentlich eine andere Stellung zum Leben ein als im Norden. Das 
Kunstwerk wird mehr und mehr als vereinzelte Leistung des subjectiven 
Genius betrachtet, als wesentlich unabhängig von dem Kirchenbau, wel- 
chem es angehört; es unterliegt auch bei Weitem nicht einer so stren- 
gen, so unerbittlich gegebenen Einrahmung und Aufstellung wie das 
Kunstwerk der nordischen Kathedralen. In ilothwendiger Parallele mit 
dieser grössern individuellen Freiheit erwächst beim Volk eine verglei- 
chende Betrachtung und Beurtheilung, welche mit Hülfe der schon sehr 
häufig an den Werken selbst angebrachten Namensunterschriften und 
Jahrzahlen allmählig zu einer Art von Kiinstlergeschichte und Kunstge- 
schichte erwächst, dergleichen im Norden völlig fehlt. So wenig nun 
ein solcher Unterschied über den absoluten Werth der einen oder der 
andern Kunstwelt entscheidet, so sehr kam durch denselben die italie- 
nische Kunst in Vortheil, indem sich das Interesse der Menschen über- 
haupt leichter dem Individuellen und Festdatirten zuwendet. 
Diese Bewegung nach Entfesseluug des Subjectiven wird jedoch auf 
eine merkwürdige Weise gekreuzt durch eine Gegenbewegung im Sinne 
des nordisch-gothischen Sculpturstyles. Dieser kam im Gefolge der nor- 
dischen Bauweise, gelangte jedoch erst um Jahrzehnte später zu allge- 
meinerer Geltung, oifenbar durch den (historisch erwiesenen) häufigen 
Aufenthalt deutscher Bildhauer in Italien. Die eigenthümlich geschwun- 
gene Stellung, die bestimmte Cadenz des Faltenwurfes, selbst der nor- 
dische Typus der Kopf  und Gesichtsbildung finden sich nun auch hier. 
Es war ein fremder Tropfen Blutes, indem die italienische Sculptur die 
architektonischen Prämissen der nordischen (die Aufstellung von Statuen 
in engen Reihen an Portalen, in schmalen Nischen, in hochangebrachtcn 
Baldachinen, überhaupt die ganze gothische Einfassung) nur in geringem 
Grade theilte. (S. ihre breiten, räumigen Nischen; runde Portallunetten; 
Vorherfsßhellde freie Aufstellung als Abschluss von Giebeln, Strebepfei- 
lern etc., ohne alle Nischen und Baldachine.) Mit Beginn des 15. Jahr- 
hunderts schwindet auch diese Einwirkung früher als irgendwo vor dem 
Kunstgeiste der neuern Zeit; höchstens mit Ausnahme einzelner oberita- 
lischer Arbeiten, in welchen sie sich etwas länger kenntlich macht.  
' Abb- bei F- H- Müuef, Beiträge etc. II, Taf. 7, 24.  S. Denkmäler der 
Kllllßf, T. 59 (10 und lll-  2 Denkmäler der Kunst, T. 61; vergl. vorzüglich 
Burckhardt, Cicerone, S. 566-584. 
Kugler, Handbuch der Kunstgeschichte. II. 10
        

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