Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1694125
Dritte Periode. 
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des Gefühles kann die Form gewissermaassen nur als ein Symbol gelten; 
dies Symbol zu beleben, seine Bedeutung zum tiefer ergreifenden Aus- 
drucke zu bringen, bedurfte es eines flüchtigeren, minder körperhaften 
Mittels. Die Natur selbst aber hatte dasselbe in dem geheimnissvollen 
Spiel der Farbe, welche das Gesicht des Menschen zum Spiegel seiner 
Seele macht, in der Gewalt und Tiefe, die in dem Blick des Auges ruhen, 
vorgezeichnet. S0 folgte man, zur Vollendung der beabsichtigten künst- 
lerischen Wirkung, einfach dem Vorbilde der Natur; aber man wusste 
dasselbe, den besonderen Stylgesetzen gemäss, wiederum mit gemessen 
künstlerischem Bewusstsein aufzufassen und sich von dem Streben nach 
roher Illusion fern zu halten. Was in dieser Art für die Behandlung 
des Gesichts und der übrigen nackten Körpertheile schon durch die in- 
nersten Gründe bedingt war, ward_sodann auch bei der Gewandung, den 
Schmuckgeräthen u. dgl. weiter durchgeführt, indem hier ohnehin die vor- 
genannten, für die Farbenanwendung sprechenden Gründe um so mehr 
mitwirken mussten. 
Ob und in welcher Ausdehnung die Bemalung bei den Sculpturen 
am Aeusseren der Gebäude zur Anwendung gekommen, muss ich für jetzt 
unentschieden lassen. Für die Sculpturen des Inneren aber liegen, soweit 
keine moderne Tünche den ursprünglichen Eindruck verdorben, zahlreiche 
Beispiele vor. So sind die Gestalten der Grabsteine häufig naturgemäss 
bemalt; dasselbe zeigt sich an den Statuen im westlichen Chore des D0- 
mes von Naumburg und in der Vorhalle von Freiburg i. Br., an den 
Aposteln des Kölner Domchores etc., und ein vorurtheilsloser Sinn wird 
sich mit solcher Behandlung, (vorausgesetzt, dass die Bemalung nicht 
etwa  wie auch zuweilen geschehen  roh erneut ist) wohl einver- 
standen erklären. Vorzüglich bedeutsam aber erscheint diese Weise der 
künstlerischen Ausbildung an denjenigen Werken, die uns zunächst zu 
dieser Abschweifung veranlasst, an den, grösstentheils aus Holz gearbei- 
teten Votivstatuen und namentlich an den Sculpturen der Altarwerke. 
Die letzteren stehen insgemein in architektonisch dekorirten Schreinen; 
der Grund, vor dem sie sich erheben, ist durchweg vergoldet, mit einge- 
pressten Teppichmustern, ebenso in der Regel die Gewänder der Figuren 
und der Schmuck, den sie sonst tragen. Der prachtvolle Schimmer, der 
ihnen hiedurch zu Theil wird und der das Farbenlicht der Fenster noch 
überstrahlt, bezeichnet sie schon für den äusserlichen Eindruck als die 
Hauptpunkte in dem Raume des heiligen Bauwerkes; es scheint, dass 
zunächst jene Werke aus Prachtmetallen, die 'seit den Zeiten der alt- 
christlichen Kunst vornehmlich zum Schmuck der Altäre gefertigt wur- 
den, und denen Aehnliches auch noch in der in Rede stehenden Periode 
vorkommt, den Anlass zu solcher Auschmückung gaben. Doch erscheint 
hier schon an sich die Vergoldung auf eigenthümliche Weise künstlerisch 
durchgebildet, mehr oder weniger glänzend je nach den stoiflichen Eigen- 
thümlichkeiten des dargestellten Gegenstandes, zum Theil wechselnd mit 
silbernem Glanze, sinnreich mit Färbung und farbigen Zierden verbun- 
den und in ansprechender Harmonie mit der, zumeist ungemein Zart 
durchgeführten Bemalung der nackten Körpertheile. Die Altarwerke die- 
ser Art bestehen insgemein aus einem Mittelschrein, welcher gröSSere
        

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