Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1694118
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Die Kunst des gothisehen 
Styles. 
Vorzüglich bedeutend endlich sind die seit dem 14. Jahrhundert all- 
mählig reichlicher vorhandenen Altarwerke, die, in besonderer archi- 
tektonischer Umfassung, zinneist einen grossen Reichthum sculptirter Dar- 
stellungen enthalten. Für diese, wie nicht selten auch für die andern, 
im Innern der Gebäude aufgestellten Sculpturen, wird insgemein  ne- 
ben dem Material des Hausteines, des gebrannten Thones, des Stucco  
das Material des Holzes in Anwendung gebracht und dasselbe reichlich 
mit farbiger Zierde versehen.  Hier ist denn auch der Ort, der Zu- 
that der Farbe an den Sculpturen der in Rede stehenden Zeit näher 
zu gedenken. Wie zum Theil schon in der Periode des romanischen 
Styles, und wie auch an modernen Sculpturen der deutschen Kunst bis 
in's 16. Jahrhundert, ja in manchen Fällen selbst noch das 17. Jahrhun- 
dert hindurch, so erscheint die Färbung als ein besonders wesentliches 
Element der Sculptur des gothischen Styles. Vorzugsweise indess an 
denjenigen Bildwerken, die für das Innere der Gebäude gearbeitet sind, 
und zwar nur in Deutschland (vielleicht auch in Frankreich und England, 
über deren Monumente in diesem Betracht keine nähere Kunde vorliegt), 
während dergleichen in Italien nur vorkommt, wo der weisse Marmor 
nicht herrschte. Man könnte diese Verschiedenheit des künstlerischen 
Geschmackes in der That schon allein aus der Verschiedenheit des an- 
gewandten Materiales herleiten, indem die Deutschen sich der genannten 
minder edlen Stoffe, die Italiener dagegen sich des schöneren Marrnors 
bedienten, und bei An endung des letzteren vorauszusetzen ist, dass man 
seine ecllere stoiflicheglatur nicht eben gänzlich durch einen Farbcnüber- 
zug werde verdeckt haben. Wichtiger jedoch scheint das Verhältniss, 
in welchem bei den Deutschen und bei den Italienern das einzelne Bild- 
werk zu dem ganzen Monumente, darin dasselbe sich befand, stehen 
musste. Bei den Italienern nalnn, wie wir sahen, die Kirchenbaukunst 
eine wesentlich abweichende Richtung, und namentlich konnte bei ihnen 
die Glasmalerei, die für die Vollendung des architektonischen Ganzen 
(wo es sich um Gebäude des gothischen Styles handelt) so wesentlich 
wirksam ist, auch nur eine untergeordnete Bedeutung haben. Bei den 
reich entwickelten Formen der deutsch gothischen Gebäude aber erschei- 
nen die gemalten Fenster als entschieden nothwendig für den künstleri- 
schen Eindruck des Ganzen; ihre Anwendung musste somit für das ge- 
sammte Innere eine eigenthümliche Farbenstimmung hervorrufen, der sich 
auch die übrigen Bildwerke, in grösserer oder geringerer Hingebung, zu 
unterwerfen hatten. Ueberhaupt hat in der italienischen Kunst jener 
Zeit das Bildwerk nicht eigentlich einen unmittelbaren Bezug zu dem 
Gesetze der architektonischen Form, es entwickelt sich selbständiger, 
mehr in seiner einzelnen Bedeutung, während dies in der deutschen Kunst 
keineswegs der Fall ist. Und so ist schliesslich, als der wichtigste Um- 
stand, auch anzuführen, dass schon in dem innerlichen Wesen des go- 
thischen Styles, sofern es sich um dessen consequenteste Durchbildung 
handelt, die Farbe als eine wesentliche nothwendige Zuthat der Sculptur 
bedingt ist. Jenes innerliche Seelenleben, welches den Formen dieses 
Styles ihr eigenthümliches Gepräge gab, konnte sich gleichwohl in der 
Form allein nicht vollständig aussprechen. Für die zarteren Zustände
        

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