Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1694013
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Die Kunst des gothischen Styles. 
alten Testaments, die sich durch sehr würdige, eben so feierliche, wie 
zarte Auffassung des gothischen Styles auszeichnen, iIl deren Köpfen 
aber schon jenes naturalistische Bestreben sichtbar wird, welches den 
Uebergang zur modernen Kunstrichtung bezeichnet. Dßmselben Meister 
schreibt man auch am Portal der Kirche der Karthause die knieenden 
Statuen des Herzogs von Burgund und seiner Gemahlin zu, Gestalten von 
überraschender bildnissartiger Auffassung. Sein Hauptwerk, ehemals in 
der Karthause, jetzt im Museum zu Dijon, ist jedoch das Grabdenkmal 
Herzog Philipps des Kühnen, seit 1404 ausgeführt und nach des Meisters 
Tode 1411 durch seinen Nelfen Claux de Werne vollendet, eins der 
prachtvollsten Grabmonumente des Mittelalters. Die Gestalt des Herzogs, 
auf marmornem Sarkophage ruhend, zeigt die durchgebildete Schärfe eines 
entschiedenen Realismus, die durch vollständige Bemalung noch gesteigert 
wurde. Rings am Unterbau sind unter gothischen Baldachinen kleine 
Figiirehen des leidtragenden Gefolges angebracht, von lebendigster Man- 
nichfaltigkeit des Ausdrucks.  Völlig dieselbe Auffassung und Behandlung 
kehrt ebendort als Beweis der nachhaltigen Wirkung des Sluterschen Ein- 
Husses an dem circa 1442 bis nach 1461 von einem Spanier Jehan de 
1a Verta ausgeführten Grabdenkmal Herzog Johann des Furehtlosen wieder. ' 
Unter den englischen 2 Kirchensculpturen dieser Zeit wird die so- 
genannte Minstrel-Galery in der Kathedrale von Exeter gerülnnt, die an 
einer Stelle des nördlichen Schiffes den Raum des sogenannten Triforiums 
einnimmt; eine Reihe von zierlichen musicirenden Engeln in Nischen. " 
Sodann die spätern Sculpturen im Dom von York, an welchem eine dem 
14. Jahrhundert eigene zarte Grazie bemerkt wird. Mit grösserer Yor- 
liebe wendet sich die englische Bildnerei der Portraitdarstellung zu, und 
selbst an kirchlichen Gebäuden, wie an der Facade der Kathedrale zu 
Lichfield, der um 1377 erbauten Vorhalle der Kathedrale zu Exeter, 
sind lange Statuenreihen königlicher Herrscher angebracht, ein Beweis 
von dem hier frühzeitig erwachten politischen Sinn für die Geschichte 
des Landes. Ein ähnliches Verhältniss macht sich auch in den oft pracht- 
voll ausgeführten Grabdenkmälern geltend. Unter diesen sind die ausge- 
zeichnetsten: die Bronzestatue des schwarzen Prinzen (gest. 1376) im 
Dom von Canterbury, das Grabmal Edwards IH. (gest. 1377) in West- 
minster zu London, die Bronzefigur des Richard Beauchamps (gest. 1439) 
in der Kirche zu Warwick, gegossen von William Austin aus Lon- 
don. 4 Auch an bronzenen Grabplatten mit eingegrabenen Darstellungen 
fehlt es in England nicht, obwohl sie meistens den festländischen Sty] 
und flandrisch-deutsche Abkunft verrathen, und nur selten, wie an der 
G-rabtafel des Abtes Thomas Delamare in der Abteikirchc von St. Albans 
(1- 1390) ein theilweises Hervortreten englischer Behandlung darin be- 
merkbar wird. 5 Ueberall in diesen und verwandten Werken macht sich ein 
1 Ueber die Arbeiten in Dijon vergl. besonders Schnaase, Kunstgesch. VI, 
S. 573 ff.  2 Flaxman: lectures on sculpture (Lect. I, english So.) mit flüchti- 
gen Abbildungen.  Mittheilungen aus einem Vortrage Weshnaeotüs, Kunstblatt 
1847, Nr. 3.  3 Britton, cath. IV.  4 Denkm. d. Kunst, Taf. 60 A   
5 Vgl. Stothard, the monumental efiigies of -Great Britain. Carter, Spegimens etc. 
Boutell, monumental brasses. Cotman, mon. brasses in Norfolk and Suffolk.
        

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