Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1693992
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Die Kunst des gothischen 
Styles. 
denkmälern von mehr oder minder erhabener Arbeit, meist in Tournayä 
Der Styl derselben ist bereits entschieden realistisch auf der Grundlage 
einer wahrhaft überraschenden Kenntniss aller einzelnen Naturformen, 
welche z. B. die Gelenke und selbst die Hautfalten genau wiederzugeben 
vermag; mit schlichter Einfachheit der Motive verbindet sich eine sehr 
bedeutende Darstellungsweise des Individuellen, und zwar noch ohne die 
conventionelle Magerkeit und Härte der spätern Zeit.  Die bedeutend-- 
sten dieser Monumente sind durch ihren jetzigen Besitzer, Hrn. Dumor- 
tier, daselbst aus den Trümmern des Franciscanerklosters gerettet wor- 
den. Das älteste, etwa gegen 1360 gearbeitet, ist das Grabrelief des Colard 
du Seclin, welches denselben sammt seiner Familie vor der Madonna 
knieend darstellt, vielleicht von dem damals in grossem Rufe stehenden Bild- 
hauer Guillaume du Gardin?  Vom J. 1380 ist ein Relief, welches 
die Familie Cottwell mit ihren Schutzheiligen vor dem Weltrichter ent- 
hält, von einem, wie es scheint, minder bedeutenden Künstler, schärfer 
naturalistisch, im Ausdruck vorzüglich. Das Denkmal des Jaques Isack 
(1401) und das des Jehan de Ooulogne (1403), letzteres den betenden 
heil. Franciscus darstellend, sind geringer.  Um die fortlaufende Reihe 
dieser Kunstwerke nicht zu unterbrechen, mögen hier auch die spätem 
derselben, welche mit der inzwischen aufgekommenen ilandrischen Maler- 
schule parallel gehen, mitgenannt werden: das ausserordentlich fein aus- 
geführte Grabmal des Jean du Bos (1438), welcher mit Frau und Toch- 
ter vor der heil. Jungfrau kniet; das ähnliche des Jean Gervais (ohne 
Datum und sehr verstümmelt, aber merkwürdig durch die hier zuerst 
vorkommenden scharfgebrochenen Falten, welche sich als eine Rückwir- 
kmxg von der Malerei aus erklären); sodann im D omvon Tournay: zwei 
Grabreliefs von 1409 und 1426, und eine thronende Madonnenstatue, 
etwa um 1440; in der Magdalenenkirche ein englischer Gruss (um 
1450), an zwei Pfeiler vertheilt, mit edeln Köpfen, und überaus frei und 
grossartig bewegten Grundmotiven. Von ungleich geringerem Belang 
ist das von Willaume LeFebre aus Tournay gegen Mitte des 15. Jahr- 
hunderts gegossene eherne Taufbecken in der Kirche Notre-Dame zu Hal. 
 Einer Verzweigung dieser Tournayschen Schule gehören einige Sculp- 
turen zu Mons in Hemiegau an: mehrere Grabreliefs, von 1418, 1431 etc., 
in der Kirche Ste. Waudru; zwei aus der Nähe von Mons stammende 
Altarreliefs in der Schlosskapelle zu Enghien; das eine um 1460-80, 
das andre wohl erst im 16. Jahrhundert gefertigt.  Das Gepräge der 
Schule von Tournay tragen sodann auch die miniaturartig feinen Reliefs, 
welche die Arkadenzwickel in der 1374 erbauten Katharinenkapelle der 
Frauenkirche zu Courtray ausfüllen: anmuthig erfundene und lebendig 
dargestellte legendarische Vorgänge, gemischt mit genrehaften, selbst 
humoristischen Seenen. 3 
1 Waagen, über eine alte Bildhauerschule zu Tournay, im Kunstbl. 1847; 
vgl. Schnaase, Kunstgeschichte VI, S. 560 ff.  2 In einem Oontract desselben 
über eine andere, nicht vorhandene Arbeit wird eine "Bemalung mit guten 
Oelfarb en" einbedungen, was die schon vor den van Eyck's gebräuchliche 
Mischung der Farben mit Oel beweist. Farbenspuren finden sich auch an den 
hier genannten Reliefs.  3 Vergl. Schnaase, a. a. O. VI, S. 564.
        

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