Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1693633
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Die Kunst des gothischen Styles. 
mächtige Aufblühen städtischer Gemeinwesen, von welchen viele der be- 
deutendsten Unternehmungen dieser Epoche ausgehen. Bleibt bei dieser 
Richtung eine feinere Belebung des architektonischen Organismus minder 
beachtet, so entfaltet dagegen die deutsche Gothik an den wundersamen 
Unternehmungen der schlank aufstrebenden, aus einem Netze durchbroche- 
ner Maasswerke gewobenen luftigen Thurmpyramiden eine Kühnheit und 
Consequenz des Systems, die zu ganz neuen Combinationen und Wirkun- 
gen fuhrt, und in keinem anderen Lande ihres Gleichen findet. 
In den niederrheinischen Landen ist es vor Allem die Fortsetzung. 
der Bauten am Dom zu Köln, 1 welche ein Bild der grossartigsten lmd 
consequentesten Durchführung des gothischen Systems gewähren, Das 
Langhaus mit seiner klaren fünfschifügen Anlage, seiner feinen, lebens- 
vollen Gliederung, der beziehungsreichen Wechselwirkung aller Theile 
wurde sogleich nach der im J. 1322 geschehenen Vollendung des Chores 
wahrscheinlich noch durch Meister Johann in Angriff genommen. Die 
letzte Reminiscenz einer strengeren Formbehandlung weicht hier durch- 
weg dem reich und elastisch bewegten Schwung einer frei vollendeten 
Kunst. In organischer Verbindung mit diesem mächtigen Langhausbau 
steht die Fagade mit ihren beiden gewaltigen Thürmen, allerdings in der 
Ausführung unterbrochen, aber durch die alten wie durch ein Wunder 
erhaltenen Baurisse hinlänglich ergänzt, um in ihnen den glänzendsten 
Ausdruck des bis zur äussersten Consequenz der Anlage und Ausbildung 
durchgeführten Systems der nach oben luftiger und leichter aufsteigen-- 
den, sich unaufhaltsam verjüngenden Strebemassen zu erkennen. Der 
Charakter der Formgebung, im Wesentlichen dem Princip des Lang-hau- 
ses sich anschliessend, lässt doch gewisse Modificationen, gewisse freiere 
dekorative Wendungen erkennen, die auf den Ausgang dieser Epoche 
weisen.  In kleineren Verhältnissen, aber in ansprechend klarer und 
reiner Ausprägung findet sich dasselbe Princip schlank aufstrebender 
Thurmpyramiden an dem "Hochkreuz" bei Godesberg vom Jahr 1333 
durchgeführt.  In den unteren Gebieten des Niederrheins sind so- 
dann das Schiff der Stiftskirche zu Xanten (S. 40) und die etwa. 
seit 1334 ausgeführte Capitelskirche zu Cleve als einfache, klar ent- 
wickelte, unter dem Einfluss der Kölner Dombauhütte stehende Werke 
zu erwähnen.  Der späteren Zeit des Jahrhunderts gehört sodann das 
ebenfalls in schlichteren Formen aufgeführte Schiff von St. Severin in 
Köln, dessen von 1394-1411 errichteter Westthurm sogar statt des 
Strebesystems die einfachere Flächengliederung der nordischen Bauweise 
zeigt.  In eleganten Verhältnissen mit hohen und breiten, reich ent- 
wickelten Fenstern baut sich der seit 1353 dem alten Münster KarPs des 
Grossen zu Aachen vorgelegte, schlanke, einschiffige, polygon geschlos- 
sene Chor auf, dessen Formen ebenfalls die Einwirkung der Kölner Bau- 
ten verrathen. Ein andrer Ohorbau dieser Zeit ist der von St. Florin 
1 Denkmäler der Kunst, 
54 u. 
54 A.
        

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