Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1693512
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Styles. 
Die Kunst des gothischen 
noch völlig in einem irisch-barbaristischen Schematismus gezeichnet sind. 
Man hält ihn für den Stein des Bischofes Bartholomäus, gest. 1184; das 
Architektonische deutet jedenfalls auf eine Ausführung nach dem Beginne 
des 13. Jahrhunderts. Ihm schliessen sich, ebendaselbst, in einem mehr 
gemessenen typischen Gepräge und mit ähnlicher architektonisch dekora- 
tiver Zuthat, der angebliche Grabstein des Bischofes Henry Marshall 
(gest. 1206) und der des Bischofs Simon de Apulia (gest. 1223) an. ' Da- 
gegen hat die Figur in dem stattlichen Monumente des Erzbischofes Wal- 
ter Gray (gest. 1255) in der Kathedrale von York, 2 bei Schlichter He]- 
tung, die charakteristischen Linien des, schon weich behandelten gothischen 
Styles.  Von hervorstechenderer Bedeutung sind die ritterlichen Grab- 
steine. Man weicht hier, in d'or gegenwärtigen Epoche, von der Sitte des 
Continents ab, welche den Bestatteten in feierlicher Ruhe, zumeist etwa 
mit betend gefalteten Händen, darzustellen pflegt; man giebt der Gestalt 
fast durchgängig eine freiere, selbst kühne Bewegung, die, in einer mehr 
realistischen Auffassung, Motive des Lebens festhält und diese mit naiver 
Beobachtung nachbildet, während der einhüllende Kettenpanzer, der ein- 
fache Waffenrock allerdings eine vorherrschend schlichte künstlerische 
Behandlung bedingen. Schon in Gestalten der früheren Zeit des Jahrhun- 
derts, bei noch strenger Fassung und einfach motivirter Geberde, tritt 
diese Richtung hervor; z. B. bei dem Grabstein des William Longespce 
(gest. 1227) in der Kathedrale von Salisbury. Bald aber macht sich 
jene grössere Lebhaftigkeit geltend; die Beine erscheinen in der Regel 
gekreuzt, ein zierliches oder auch ein stürmisches Schreiten andeutend; 
die Haltung der Arme ist durch verschiedenartige Motivirung bewegt, 
nicht ganz selten den Schwertgrif wie zur kräftigen Abwehr eines krie- 
gerischen Angriifes fassend. Die Kirchen Englands enthalten zahlreiche- 
Denkmäler der Art. Eine ganze Folge befindet sich in der Templerkirche 
von London. Zu den vorzüglich bemerkenswerthen gehört das, der spä- 
teren Zeit des Jahrhunderts angehörige des Herzogs Robert von der 
Normandie, Sohnes Wilhelms des Eroberers, in der Kathedrale von 
Gloucester. 3 
Die Architektur war im Allgemeinen nicht auf die umfangreiche und 
durchdachte bildnerische Ausstattung wie die nordfranzösische berechnet. 
Dagegen giebt die in ihr vorherrschende dekorative Behandlung zur durch- 
gehenden Verwendung von Dekorativ-Sculpturen Anlass, die, zumeist ohne 
eine selbständige Bedeutung, mit den schmückenden Architekturformen 
verschmolzen sind. In diesen ündet jenes launische Element, welches 
diese Systeme so oft erfüllt, willkommene Gelegenheit zur neuen Entfal- 
tung; es steigert sich manches Mal zum grotesken Humor, der eines 
schlagend kühnen Ausdruckes fähig ist, z. B. in den verwegenen Teufel- 
bildern, welche hier und dort über den Kapitälschmuck im Querbau der 
Kathedrale von York hinausragen. Aber es sänftigt sich ebßllsß auch 
zur zarteren Grazie und erfreut das Auge nicht selten durch schmückende 
Bildungen von anmuthvoller Schönheit. 
1 Vergl. Britton, Exeter Cathedral, Cath. antt., IV, pl. 20, f.  
York, Cath. (O. a., I.) pl. 36.  3 Denkmäler der Kunst, T. 60 A 
 2 Derselbe, 

        

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