Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1693486
Zweite 
Periode. 
79 
terem Deckel versehen, hat auf den Seitenwandungen, ausser einer Scene 
mit der Figur des Bestatteten, eine Anzahl allegorischer Gestalten in 
eigenthümlich lebhaften, gespreizten Geberden. Es ist die Arbeit einer 
allerdings eigenthümlichen, etwas derben Bildnerhand, die (noch in dem 
Sinne der hastigen Bewegung in Werken romanischen Spätstyls) nach 
möglichst lebendigem Ausdrucke hascht, während sich in den Gewand- 
motiven die Typen des beginnenden gothischen Styles auch hier-bestimmt 
erkennen lassen. 
M a g d e b u r g besitzt ein merkwürdiges Denkmal frühgothischei" Sculp- 
tur in der Reiterstatue Kaiser Ottols I. auf dem alten lilarkteß Es ist 
eine Arbeit von wiederum strenger und sehr schlichter Fassung, aber 
durch die energische Haltung der Figur und die sprechend individuelle 
Durehbildung des Kopfes von lebhafter Wirkung. Zwei allegorische weib- 
liche Gestalten, zu den Seiten des Reiters stehend, sind durch Kopfbil- 
dungen ausgezeichnet, welche schon die volle Naivetät der Natur (in ächt 
sächsischer Stammeseigenthümlichkeit, wie später in den sehlichteren 
Weiblichen Köpfen Cranach'scher Gemälde,) zur Erscheinung bringen. Der 
architektonische Unterbau der Gruppe hat in seinen ursprünglichen For- 
men noch romanische Reminiscenzen; später verstärkt, etwa zu Ende des 
14. Jahrhunderts, sind ihnen andre Figuren in dem Style dieser jüngern 
Zeit hinzugefügt worden. (Das Denkmal befand sich in sehr schadhaf- 
tem, zum Theil fragmentirtem Zustande; es ist gegenwärtig hergestellt 
Würden.)  Eine andre Gruppe, denselben Kaiser und seine Gemahlin 
Editha vorstellend, in "einer kleinen frühgothischen Polygonkapelle des 
Domes von Magdeburg, hat ein abweichendes Gepräge, schwerer in den 
Formen und weichlicher in der Behandlung. 
Von sehr ausgezeichneter Bedeutung sind die Sculptnren, welche das 
Innere des Westchores des Domes von Naumburg schmücken. 2 Zu- 
nächst die Statuen der Stifter des Gebäudes an den Wandpfeilern des 
Chores, gleichzeitig mit dem Bau desselben ausgeführt, eine Reihenfolge 
männlicher und weiblicher Gestalten, von denen einige als Paare zusam- 
menstehen. Auch hier herrscht die volle Einfalt des Styles, in ruhig 
klaren und grossen Linien, während in der Körperlichkeit dieser Gestalten 
ein kräftiges Lebensgefühl, in dem Charakterausdruck, der Geberde, der 
hiedurch motivirten Gewandung eine ungesuchte Mannigfaltigkeit zur Er- 
scheinung kommt und gleichzeitig ein gemeinsam geistiger Zug, der eines 
stillen Adels, diesen Kreis würdiger Persönlichkeiten erfüllt. Die künst- 
lerische Hand steht, ohne ein sonderlich virtuosisches Streben, der Voll- 
endung nahe; die Andeutung zarten Affektes äussert sich noch in einem 
halb conventionellen Lächeln. Die Sculpturen des Lettners, welcher den 
Chor vom Schiff des Domes trennt, ein Cnuciüx mit Maria und Johannes 
und ein Fries mit Scenen der Passionsgeschichte, schliessen sich als wenig 
tungsvoller Neubauten eintritt, z. B. bei St. Denis in Frankreich oder bei Voll- 
endung des Domchores von Köln. 
1 v. Quast, in der Zeitschr. f. ehristL Archäohgie u_ Kunst, I, g_ 10g (Den 
beigegebenen Abbildungen fehlt in den figürlichen Theilen die charakteristisch 
energische Eigenthürulichkeit.)  2 Denkmäler der Kunst, T. 59 (l, 2).
        

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