Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1693417
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Die Kunst des 
gothischen Styles. 
Elemente vorangegangener oder gleichzeitiger jüngster Bestrebungen des 
Romanismus, entwickelt sie sich zur Ausprägung feierlicher Würde, be- 
geistigten Ajfektes, in ausgezeichneten Fällen selbst zu einer wiederum 
fast staunenswerthen Sicherheit des körperlichen Daseins. Aber das Vilecli- 
selverhältniss zwischen architektonischer und bildnerischer Production bleibt 
zunächst noch von unbedingt entscheidendem Einilusse; so überaus mäch- 
tige Anregung diese von jener empfängt, so findet sie doch zugleich in 
der künstlerischen Gliederung wie in den technischen Bedingnissen des 
architektonischen Ganzen ihre Schranke. Auch die unabhängiger-cm Lei- 
stungen gehen über die letzteren nicht hinaus. Aus demselben Grunde 
tritt die umfassendere bildnerische Thätigkeit frühgothischen Styles vor- 
zugsweise nur da ein, wo das architektonische System sich in der ganzen 
Summe seiner reichen Oonsequenzen geltend macht. 
Sculp 
tu 
Frankr 
eich. 
Die Seulptur kommt an den grossen Kathedralen der- französischen 
Nordostlande in höchst ausgedehnter, höchst folgenreicher YVeise zur An- 
wendung. Der Aussenbau, namentlich der der Facaden, ist wesentlich 
auf die sculptorisch bildnerische Ausstattung berechnet. Die Freude an 
diesem Schmuck, an seiner sprechenden Wirkung, an der Offenbarung 
des durch ihn vermittelten gedanklichen Gehaltes ist so gross, dass selbst 
das Uebermaass der Verwendung kein Bedenken erregt, dass hiedurch 
selbst die energische Gestaltung des Einzelstückes der architektonischen 
Composition (so entschieden das architektonische Gesetz an sich seine 
Herrschaft behauptet) verdunkelt wird. Die Portale füllen sich durchaus 
mit Bildwerken, sowohl die Basamente und die Gliederungen der Seiten- 
wandungen als die Bogengeläufe der mittlern Thürpfosten, die Oberschwelle 
über diesen, das von letzteren getragene Bogenfeld (die Lünette oder das 
Tympanon). Nur die charakteristischen architektonischen Linien blieben, 
während Alles in ihrem Einschlusse durch Bildwerk belebt erscheint und 
sich diesem Einschlüsse in gedrängter, selbst die rhythmischen Verhält- 
nisse zum Theil beeinträchtigender Weise einfügt, in den geneigten Li- 
nien der Bögen auf widersinnige WVeise hängend, das Spitzbggenfghl 
durch Friesrcihen hässlich zerschneidend. Erst die Einführung der Gie- 
belkrönung über dem Spitzbogen des Portales fasst diesen gewaltsamen 
Reichthum energisch zusammen; aber in dem Felde zwischen seinen 
Schenkeln und denen des Bogens entsteht abermals ein Raum für bildne- 
rische Bethätigung. Ebenso füllen sich die Galerieen, welche der fran- 
zösische Facadenbau liebt, mit Reihen von Gestalten; andre an andern 
Einzelstellen, in den Baldachinen der Strebepfeiler u. dergl. Den Inhalt 
bilden die grossen Mysterien der christlichen Oßenbarung, in dogmatischer 
Entwickelung, in den Gestalten der Persönlichkeiten der heiligen Bücher, 
in symbolischer Fassung, verbunden mit besonderen legendarischen Vor- 
gängen je nach der Bezugnahme auf besondre Heilige, denen das kirch-
        

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