Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1686775
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Das alte Aegypten. 
Die Werke der 19ten Dynastie, namentlich die von Ramses 11., sind 
in Bezug auf Plan und äusseren Gehalt staunenswürdig, wie kaum etwas 
Andres, das menschlicher Wille geschaffen; die reichlich ausgeprägten 
Typen der eigenthümlich ägyptischen Darstellungsweise iigeben diesen 
Werken ein höchst vielseitiges Interesse. Aber das Bedürfniss thunlichst 
erreichbarer Vollendung ist bereits minder entschieden; die künstlerischen 
Kräfte stumpfen sich bei der Ueberfülle des Darzustellenden ab; die 
Reinheit der Linien verliert sich; Beispiele von entschieden roher Behand- 
lung machen sich geltend. Das Museum von Berlin besitzt eine Kolossal- 
statue Ramses II. aus Granit, deren schon äusserlich conventionelles Ge- 
präge bei Vergleichung jenes älteren Fragments der Statue Sesurtesens I. 
auffällig ist.  Höchst riesig sind die Kolossalstatuen, welche die Faca- 
den der beiden Felstempel von Abu Simbel (Ibsambul) in Nubien schmü- 
cken. Die des grösseren Tempels sind vier sitzende Gestalten, sämmtlich 
Ramses II. vorstellend, die über 60 Fuss hoch sind und sich aufgerichtet 
bis zu 80 Fuss erheben würden. Die Köpfe zeigen hier, trotz der unge- 
heuren Dimension im Ganzen und Einzelnen, eine entschieden individuelle 
Bildung allerdings mit Glück durchgeführt. Die Statuen der Facade des 
kleineren Tempels sind sechs stehende Gestalten, 35 Fuss hoch, denselben 
König und seine Angehörigen darstellend. Hier ist die körperliche Be- 
handlung, besonders die der Brustpartie, als eine nicht sehr erfreuliche 
zu bezeichnen. 
Der Felstempel von Gerf Hussen (Girscheh) hat im Innern Pfeiler 
mit daran lehnenden Kolossalßguren, welche in einer barbarischen Schwer- 
fälligkeit ausgeführt sind. Ebenso sind an den Vorbauten des Tempels 
von Wadi Sebüa (Essabua) sehr schwere Kolossalstatuen enthalten; beides 
ein deutliches Zeichen des eingetretenen Mangels an geeigneten künst- 
lerischen Kräften, wenigstens für das Kunstfach der Statue grosser Di- 
mension. Die Wandreliefs dieser Denkmäler haben wiederum dasselbe 
frischere und im Inhalt der Darstellungen vielfach .anziehende Gepräge, 
wie die WVandbilder andrer Denkmäler des genannten Königs. 
Die ungünstige Wirkung, welche das Ueberbieten der künstlerischen 
Kräfte hervorbringen musste, zeigt sich besonders deutlich an der Rohheit 
der gleichzeitigen kleinen Privatdenkmäler (Grabpfeiler und dergl.), zu 
deren Beschaffung kaum noch eine geeignete Hand zur Stelle gewesen 
zu sein scheint, und an den Denkmälern der Nachfolger, deren Meister 
aus der mit so viel geringerer Sorgfalt betriebenen Schule hervorgegangen 
waren. Die Behandlung des Sculpturen an den grossen Denkmälern 
Ramses III. bekundet schon einen entschiedenen Verfall der Kunst. Die 
reiche bildnerisehe Ausstattung seines kolossalen Granitsarkophags im 
Louvre zu Paris (der Deckel desselben in der Universität von Cambridge) 
macht sogar bereits den Eindruck roh entworfener Skizzen.
        

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