Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1691256
494 
Die 
Kunst des romanischen 
Styles. 
andre Systeme, das der gegliederten (aus einzelnen Kappen zusammen- 
gesetzten) Kuppel, fächerartige Bildungen und derg]. finden Anwendung. 
Der Grundriss, zumeist zwar die aus dem alten Basilikenschema herrüh- 
rende Anordnung bewahrend, erhält hiebei zugleich einzelne Abänderun- 
gen, indem z. B. die Ohor-Absis, der Kappentheilung des Gewölbes ent- 
sprechend, statt der halbrunden Grundform häufig eine eckig gebrochene 
annimmt. Die Einzeltheile empfangen eine wechselvollere Bildung, zum 
bezeichnenderen ästhetischen Ausdrucke einer derartig reicheren Theilung; 
die Gewölblinien charakterisiren sich durch Rippen, welche an den Kanten 
vertreten; die Gurtträger, die als ihre Dienste emporsteigen, vermannig- 
faltigen sich in entsprechender Weise. Die Gliederung der Portale und 
Fenster, die des dekorativen Wandschmuckes wird in demselben Maasse 
gesteigert. Die Formation aller dieser Theile empfängt mehr Fülle, eine 
frischere Elasticität, einen selbständiger plastischen Charakter; ebenso das 
Ornament, welches sich aus dem starr schematischen Gefüge in einem oft 
überaus reizvollen lebendigen Schwunge, in einer meisterlich entwickelten 
Behandlung löst. Es machen sich in diesen Bildungen des baulichen De- 
tails und des Ornaments die anziehendsten Wechselwirkungen zwischen 
nordisch nationaler Emptindungsweise und den Mustern der Antike gel- 
tend, das eine oder das andre als Grundlage, das eine oder das andre 
als umgestaltendes Element. Der Spitzbogen Endet in fortschreitend er- 
höhtem Maasse Anwendung; neben ihm, an mehr dekorativen Stellen, 
manche andre, spielend gebrochene Bogenform. Der figürlichen Seulptur 
werden, in der Chorausstattung und besonders an den Portalen und Bla- 
eaden, zum Theil sehr umfassende Räume zugewiesen.  
Bei alledem aber bleibt die Grundlage des Systems die aus den vor- 
gängigen Epochen des Romanismus überlieferte. Es ist der schlichte, auf 
einfache Massenwirkung angelegte Kern, dem sich jene reichere Gliede- 
rung, jene glanzvollere Ausstattung anfügt, ohne doch seinen ursprüng- 
lichen Charakter aufzuheben. Er gewinnt dadurch eine reichere Wirkung, 
oft einen hohen Reiz; oft aber ist  die Ausstattung wenig mehr als nur 
eine Dekoration der Masse, und nicht selten erscheint sie als eine spie- 
lende, selbst willkürlich barocke Zuthat, der Art, dass sich hier der be- 
ginnende Verfall des Systems kund giebt. Dabei treten manche Wech- 
selwirkungen mit den Anfängen des gothischen Systems ein, dessen Früh- 
periode mit der romanischen Schlussperiode der Zeit nach grossentheils 
zusammenfällt; es ist nöthig, auch auf die Hauptpunkte dieses Systems 
schon vorläufig einen Blick zu werfen. Seine Wege scheiden sich in zu- 
erst kaum merklicher Divergenz von denen des spätromanischen, aber 
das Prineip erscheint sofort als das völlig entgegengesetzte. Was im 
Romanismus ein Beiläufiges ausmacht, wird dort Hauptsache; jene Details 
fügen sich bei ihm nicht einem vorhandenen Kerne als mehr oder we- 
niger dekorative Zuthat an; sie treten vielmehr sofort in unmittelbarer 
Vereinigung mit der Oonstruction und den Kernstücken derselben auf. 
Die Rippen des Gewölbes sind im Gothischen die eigentlich constructiven- 
Theile; ihnen (nicht der Gewölbmasse) entsprechen die Stützen, der Ver- 
bindung beider das räumliche Gesammtverhältniss, der Spitzbogen, die im 
Aeussern hinzugefügten stützenden und niederstrebenden Theile. Solcher
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.