Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1691242
Vierte Periode. 
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scheinungen des 12. Jahrhunderts noch gebundenen Elemente zu einem 
organisch gegliederten Leben, zur Bewegung, zur Wärme, Fülle, Lust, 
 von demselben starken Strome des Gefühles getragen, Welcher gleich- 
zeitig der Fülle nationaler Dichtung ihr Dasein gab. Es wird ebenso 
nach tieferer Totalität des künstlerischen Werkes gestrebt, wie nach be- 
seelter Individualisirung der Form; die klassische Tradition erwacht 
abermals, doch frischer erfasst, aus dem zeitthümlichen Bewusstsein wie- 
dergeboren. Der architektonischen Production tritt die iigürlich darstel- 
lende in umfassender-cm Maasse, in stärkerer Selbständigkeit gegenüber, 
durch ihr Hüssigeres Gesetz die Starrheit des architektonischen brechend. 
Der künstlerische Gedanke findet hier eine umfassendere, in die Form 
vollständiger aufgehende Verkörperung. Es ist in Wahrheit der Ansatz 
zu einer ideal geläuterten Vollendung der occidentalischen Kunst vor- 
handen. 
Doch allerdings nur der Ansatz dazu. Die volksthümlichen Unter- 
schiede des künstlerischen Schaffens sind bunt und wechselvoll wie nur 
je; einem gemeinsamen, gleichartigen Zeitpunkte geht dies reiche Schaf- 
fen, wie sehr dasselbe von jener höheren Erregung des Gefühles ergriifen 
sein möge, nicht entgegen; die Leistungen, welche das Gepräge vorzüg- 
lich gediegener Vollendung tragen, stehen in der grossen Gesammtmasse 
der Production fast vereinzelt da. Der Drang nach einer Lösung des 
überlieferten strengen Gesetzes führt nicht selten in das entgegengesetzte 
Extrem, zu einer übermüthig spielenden Behandlung; die mitüberlieferten 
phantastischen Neigungen finden dabei willkommene Gelegenheit, sich 
auf's Neue, in wunderbaren und seltsamen Combinationen statt in ge- 
läutert organischer Entwickelung, geltend zu machen. Vieles, was ge- 
heim im Grunde des volksthümlichen Bedürfnisses geruht hatte, entfesselt 
sich, und dem Streben nach gereinigter und harmonischer Schönheit tritt 
selbst das Wüste, urthümlich Barbarische mit neuem Anspruch auf Gel- 
tung gegenüber. 
Die Schlussepoche des Romanismus, wunderwürdig in dem Reichthum 
ihrer Strebungen, in der hohen Gediegenheit einzelner Erfolge, erweckt 
das lebhafteste Interesse. Aber es bedurfte eines andern Weges, die 
Fülle dieser Kräfte auf ein gemeinsames Ziel zu vereinigen. 
Arclf 
leklul- 
In der Architektur dieser Epoche ist der Gewölbebau entschieden 
überwiegend, während an dem System der flachen Decke nur noch aus- 
nahmsweise festgehalten wird. Ebenso überwiegend erscheint die durch- 
gebildete Gliederung der räumlichen Anlage. Es wird daher von der 
einfach massigen, im Ganzen oder in den Hauptstücken ungetheilten Ge- 
wölbedisposition,  der des einfachen Tonnengewölbes, der schlichten 
Kuppelanlage,  abgesehen; es wird statt dessen eine complicirte Ge- 
wölbeanordnung vorgezogen, welche die Decke und die stützenden Theile, 
die Haupt- und Nebenräume in eine innigere Verbindung setzt. Das 
ausgebildete Kreuzgewölbe ist das vorherrschende System; aber auch
        

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