Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1690311
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Die Kunst des romanischen 
Styles. 
rührend. Die eine derselben enthält sechs Apostelliguren, dieje zu zweien 
zwischen Säulenarkaden stehen. Die Form der Säulen, mit einer derben 
Nachahmung des korinthischen Kapitals, deutet, gewissen Eigenthümlich- 
keiten zufolge, auf die spätere Zeit des 11. Jahrhunderts. Die Gestalten 
der Apostel haben ein wiirdevolles, auffällig antikes Gebahren, wohl ver- 
standen und lebhaft empfunden; ihre Haltung ist schon fast frei, ihr 
Körperverhältniss dem natürlichen Bcdingniss schon angenähert. Die Ge- 
wandung ist meisterlich durchgeführt. Die Extremitäten sind noch zu 
gross, doch, besonders die Füsse, angemessen ausgearbeitet; nur die Köpfe 
sind noch starr. Die zweite Tafel enthält vier Scenen der Märtyrer- 
legende, bewegte Handlungen, in kleinen Dimensionen ausgeführt. Sie 
erscheint roher, ist aber durch empfundene Einzelmotive gleichfalls be- 
achtenswerth. 
Die merkwürdigsten Bildwerke. des elften Jahrhunderts bestehen in 
jenen kleinen Arbeiten, zumeist Elfenbeinschnitzereien, welche 
zur Ausstattung der Deckel von Prachthandsehriften, auch für andere 
Einzelzwecke, gefertigt wurden. Die Zeitbestimmung hat allerdings wie- 
derum manches Schwierige, und um so mehr, als die im Einzelnen her- 
vortretende Vollendung für diese Frühzeit fast räthselhaft erscheint. 
Eines dieser Werke ist mit bestimmter Hindeutung auf die Zeit 
seiner Entstehung versehen. Es ist der Deckelschmuek eines Evangelien- 
buches im Münsterschatze von Essen, 1 aus einem breiten Goldrahmen 
mit getriebenen Darstellungen und einem Elfenbeinrelief in der Mitte be- 
stehend. Auf dem untern Thcil des Rahmens ist die thronende Maria 
dargestellt, vor welcher, inschriftlich bezeichnet, die Aebtissin Theophania, 
die in der Mitte des Jahrhunderts lebte, kniet, der Maria das Buch dar- 
reichend; weibliche Heilige daneben; auf den Seiten des Rahmens männ- 
liche Heilige unter Säulenarkaden; oberwärts der Salvator in einem von 
Engeln getragenen Nimbus. Die Arbeit hat einen wohl ausgeprägten 
Styl, schlicht, energisch, mit empfundenen Motiven der Bewegung, mit 
sinnvoll behandelter Gewandung; die beiden Engel der oberen Darstel- 
lung in kühn lebendigen Geberden; die Architekturformen völlig im Cha- 
rakter der Zeit. Die Elfenbeintafel, von reichem Akanthusrande um- 
geben, enthält Darstellungen der Hauptmomente des Lebens des Erlösers, 
Geburt, Tod, Auferstehung, in gedanklicher Verknüpfung und mit sym- 
bolisirenden Ncbenfiguren; in den Ecken die Gestalten der Evangelisten. 
Die Behandlung des Figürlichen ist der in den Gestalten des Rahmens 
ähnlich, so dass, wie es scheint. auf gleiche Zeit der Ausführung ge- 
schlossen werden muss; eine feinere, aber zugleich minder kräftige Aus- 
führung scheint in der verschiedenartigen Technik zu beruhen. 
Die Mehrzahl dieser Arbeiten stammt aus den Schätzen des Doms 
von Bamberg her, zum Theil zu den Geschenken gehörig, welche Kaiser 
Heinrich II. dem Dom gemacht hatte, oder denselben angefügt. Sie be- 
1 Eine Abbildung in den Kunstdenkmälern des christl. 
Rheinlanden, hsgb. von E. aus'm Weerth, Abth. I, Bd. II. 
Mittelalters 
in 
den
        

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