Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1689982
Zweite Periode. 
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klassische Erneuung ihres ästhetischen Gehaltes aus. Auch im Dekorati- 
ven, z. B. in Kapitälen von antikisirender Bildung, ist nicht ganz selten 
eine gemessene Strenge bewahrt, die der antiken Gefühlsweise verwandt 
erscheint. 
Der nordisch nationelle Sinn tritt diesen Elementen mit Formen ge- 
genüber, welche theils auf die einfachsten Gesetze primitiver Anschauung 
zurückgehen, namentlich da, wo die klassisch überlieferte Form mit den 
Bedingnissen der erwählten baulichen Construction in Widerspruch steht, 
theils einem eigenthümliehcn dekorativen Drange angehören. Zu den 
erstgenannten Formen gehört eine Kapitälbildung, Welche (statt der für 
Horizontalgebälke bestimmten antiken Kapitälformen) in einfachster Weise 
einen Uebergang zwischen dem Oylinderschaft der Säule und dem vier- 
eckigen Unterlager des Bogens ausmacht: das Würfelkapitäl mit rundem 
Abschnitt der unteren Ecken. Vorbereitende Motive hiezu finden sich 
schon in der byzantinischen Kunst; die feste Ausprägung, welche diese 
Kapitälform im Norden gewinnt, und das Beharren an ihr lassen voraus- 
setzen, dass dort zugleich eine längere heimische Tradition, eine Feststel- 
lung der Form in dem vorgängigen Holzbau, dessen Technik sie in der 
That durchaus entsprechen musste, maassgebend war. Sie wird im elften 
Jahrhundert durchweg streng behandelt und hat oft noch ein schweres, 
selbst unbehülfliehes Gepräge, im merklichen Gegensatz gegen das feine 
antikisirende Karniesprofil ihrer Deckplatte.  Zu den dekorativen For- 
men gehört die eines, aus kleinen Halbkreisbögen zusammengesetzten 
Frieses als Trägers der abschliessenden Horizontalgesimse. In bestimmten 
Abständen von Pilastern getragen erscheint er als spielende Umbildung 
von Nischenreihen; aber die Pilaster verlieren häufig (im späteren R0- 
manismus durchgehend) ihr Kapitäl oder Deekgesims und nehmen die 
Gestalt schlichter Wandleisten (Lissenen, Lesenen, Lessinen) an, der Art, 
dass auch hierin eine Gewöhnung an die Weisen eines ursprünglichen 
Holzbaues nachzuklingen und nachzuwirken scheint. Dann ist es oft ein 
freier sehnitzartiger Schmuck, der als das Erzeugniss einer jugendlichen, 
zumeist noch wenig gebändigten Phantasie die Stellen erfüllt, welche sich 
zu solchem Behufe an .Gesimsen, an den Wangen der Würfelkapitäle, 
auch auf willkürlich ausgesuchten Plätzen darbieten. 
Den hiemit gegebenen Grundzügen gemäss, nach dem Vorherrschen 
des einen oder des andern Elementes oder der lebhafteren Durchdringung 
des Verschiedenartigen, mit der Aeusserung bewussten meisterlichen Ver- 
mögens für den Einzelfall, unter dem Zutritt abweichender Bedingnisse 
bei besonderen Vorkommnissen prägt sich die Architektur des elften Jahr- 
hunderts in nachhaltiger Fülle aus, nach den Ländern und Provinzen 
sich in charakteristische Gruppen sondernd. Das Erhaltene ist auch hier 
in vielen Fällen allerdings nur Stückwerk und in seiner Eigenthümlißh- 
keit häuüg von späteren Bauveränderungen verdunkelt; aber die 8011011 
sehr ansehnliche Zahl von Beispielen giebt dennoch zur umfassenderen 
und eindringenderen Anschauung erwünschte Gelegenheit.
        

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