Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1689764
Einleihmg. 
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des mittelalterlichen Geistes, was sie vorzugsweise zum Ausdrucke zu 
bringen strebt. Ihr genügen die allgemeinen Grundzüge, innerhalb deren 
dem Verschiedenartigen eine selbständige Entfaltung vergönnt war, nicht 
mehr; sie will das Ganze bis in seine letzten Einzelheiten hinab mit 
einem gleichartigen Gesetze durchdringen. Sie ist das Bild der gemein. 
samen geistigen Macht, welche die Völker des Mittelalters beherrscht; sie 
zwingt die volksthümlichen Kräfte, an der Erfüllung ihrer Aufgabe die- 
nend mitzuarbeiten. Sie verfolgt ein entschieden ideelles Princip; und 
wenn sie wiederum, im zeitlichen Fortschritt und in ihrer Erscheinung 
bei den verschiedenen Nationen, mannigfache Unterschiede zu Tage tre- 
ten lässt, so sind diese doch keineswegs ursprüngliche, sondern, umge- 
kehrt als wie beim Romanismus, Wandlungen, Abarten, Nachklänge des 
in seiner Wesenheit unbedingten Princips. 
In beiden Hauptstufen der mittelalterlichen Kunst, in der romani- 
schen wie in der gothischen Stylform, ist das Generelle überwiegend: in 
jener die volksthümliche, in dieser die allgemein geistige Tendenz. Der 
Schwerpunkt beider  d. h. der gesammten Kunst des Mittelalters  
liegt daher in der Architektur, als der Kunst der generellen Form. Die 
romanische wie die gothische Architektur entwickelt sich zur Würde, zur 
einheitlichen Kraft, zum gegliederten Organismus, zur schmuckreichen 
Anmuth; und wie ihre- Schöpfungen zum vollen Ausdruck des Volkslebens 
und des allgemeinen Geisteslebens ihrer Zeit werden, so umfassen sie 
zugleich alle Fülle bildlicher Darstellung, ersteht für die letztere mit und 
neben ihnen mannigfach Neues an Technik und Wirkung. Aber alle 
Einzeldarstellung, Alles, was die Künste der Bildnerei und Malerei und 
ihre Nebengattungen auf beiden Kunststufen hervorbringen, bleibt unter 
der Herrschaft jener allgemeinen Principien, bleibt mehr oder weniger 
von den architektonischen Stylgesetzen abhängig, hat, wie hochbedeutend 
es im einzelnen Fall sein möge, doch eine naiv freie Entfaltung nicht 
zur Folge. Allerdings erscheinen am Schlusse der romanischen Entwicke- 
lung bildnerische Werke, die den völligen Gewinn einer freien und edlen 
Entfaltung individueller Gestalt anzukündigen scheinen; aber diese wird 
sofort, falls sie wirklich im Vermögen der Zeit gelegen haben sollte, 
durch das mit erneuter Schärfe eintretende Stylgesetz der Gothik ver- 
nichtet. Allerdings hat die Schlussperiode des gothischen Styles zahl- 
reiche Darstellungen, welche der individuellen Besonderheit körperlicher 
Erscheinung, dem beredtesten Ausdrucke des Gemüths- und Gefühlslebens 
zugewandt sind; aber auch sie erreichen das Gepräge eines selbständig 
freien Daseins nicht oder nur dann, wenn sich gleichzeitig aus andern 
Umständen die schon eingetretene Lösung des allgemeinen Stylgesetzes 
kund giebt. Das abhängige Verhältniss der Bildnerei und Malerei von 
der Architektur in der mittelalterlichen Epoche, der Künste des indivi- 
duellen Gedankens von der des generellen, führt zu wunderwürdigen Er- 
folgen für die grosse Totalität der künstlerischen Conception:  die 
Durchdringung des individuellen Lebens, und somit auch seine Verklärung 
in selbständiger Idealität, bleibt der mittelalterlichen Kunst versagt. Mit 
diesem Mangel hängt es naturgemäss zusammen, dass auch die mittel- 
alterliche Architektur an sich, etwa einzelne Erscheinungen der spätroma-
        

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