Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1689751
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XII. 
oecidentalischen lilittelaltörs. 
Die Kunst des 
Im Ganzen der Entwickelung dieser mittelalterlichen Kunst sind zwei 
Hauptstufen, zwei Grundformen der stylistisehen Behandlung, deren eine 
der andern nachfolgt, zu unterscheiden: die Kunst des sogenannten ro- 
manischen und die Kunst des sogenannten gothischen Styles. 1 
Die romanische Kunst macht die erste Stufe aus. Sie ist es, welche 
unmittelbar an die altchristliche Kunst, an die noch klassische Reminis- 
cenz ihrer Formen anknüpft und diese zu neuem und eigenthümlichem 
Leben umbildet. Sie verhält sich hiebei ähnlich, wie die Sprachen der 
neueren Völker sogenannt romanischer Zunge zu dem überlieferten Ma- 
terial der lateinischen Sprache. Die mittelalterlichen Nationen nehmen 
jenes Formenmaterial mit naivem Sinne auf und gestalten dasselbe, je 
nach ihrem Vermögen, zum charakteristischen Bilde ihrer volksthümlichen 
Eigenheit, legen darin den Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle nieder. 
Wie die Grundlage eine gemeinsame war, so kehren in der allmähligen 
Ausbildung des Romanismus bei den verschiedenen Völkern allerdings 
auch gewi-sse allgemeine Züge wieder, den Einklang des geistigen Ele- 
mentes bezeichnend, welches den Oceident erfüllte; aber innerhalb dieser 
Hauptzüge bleibt ein weiter Spielraum für die verschiedenartigste Gestal- 
tung und Behandlung. In der That gliedert sich die romanische Kunst 
auf das Mannigfaltigste, nicht bloss nach den zeitlichen Momenten ihrer 
Erscheinung, sondern zugleich nach den nationalen Unterschieden; sie ist 
im eigentlichen Sinne die Kunst der occidentalischenNationalitäten. Und 
wenn zuletzt wiederum eine tiefere Uebereinstimmung eintritt, so beruht 
diese einfach darin, dass, auch bei dem Festhalten des national Verschie- 
denen, der klassische Gehalt der ursprünglich gegebenen Grundlage in 
erneuter Läuterung sich geltend macht. 
Die Kunst des gothischen Styles ist ein Bruch mit der Tradition. 
Sie bildet sich freilich aus dem Romanismus in dessen späterer Erschei- 
nung heraus; ihr Ursprung ist an besondere volksthümliche Verhältnisse 
geknüpft, und sie trägt diesen ihre Rechnung; aber sie verfolgt von 
vornherein wesentlich neue Zwecke und Ziele. Es ist jenes Universelle 
 
1 Statt der Bezeichnung "romanischer Styl" war früher die des „byz anti- 
nischen" Styles üblich; diese ist, als an sich wenig passend und zu Verwirrun- 
gen in der kunsthistorischen Auffassung führend, schon seit längerer Zeit aufge- 
geben. Statt des altüblichen vgothisch" war in neuerer Zeit die Bezeichnung 
.„germanischer Styl" aufgekommen und auch von mir in der früheren Aus- 
gabe dieses Werkes angewandt worden. Ich habe davon wieder abgehen zu 
müssen geglaubt, da auch dieser Name zu irrthümlicher Auffassung Anlass ge- 
geben hat. Allerdings ist das germanische Volkselement an der Ausbildung des 
gothischen Styles betheiligt, doch nicht mehr wie an der des romanischen Styles, 
und das reinste germanische Volksthum, z. B. das deutsche, jedenfalls in noch 
geringerem Maasse; während die höchst umfassenden Anfänge des gothischen 
Styles einer Nation gemischten Ursprunges, der nordfranzösischen, angehören. 
Beide Bezeichnungen, rpmanisch und gothisch, sind freilich conventionell, die 
erste wiederum ein wenig schielend, die andre völlig nichtssagend (indem man, 
bei einseitiger Werthschätzung antikisirender Stylformen, mit dem Namen des 
Gothischen nur den Begrif des Barbarischen verband); es erscheint indess wenig 
gerathen, durch Erfindung von abermals neuen Benennungen, deren Angemes- 
senheit nicht minder in Frage kommen möchte, zu neuer Begriifsverwirrung' An- 
lass zu geben.
        

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