Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1689732
XII. 
DIE 
KUNST 
DES 
OGCIDENTALISCHEN 
MITTELALTERS 
Einleitung. 
Bis zum zehnten Jahrhundert hatte in den westeuropäischen Landen 
der altchristliche Kunststyl geherrscht, in den Formen antiker Tradition, 
in denen das neue geistige Bedürfniss seinen Ausdruck suchte, unter 
einzelnen Einliüssen der byzantinischen Kunst, welche jenen Formen ein 
dem Orient zugeneigtes Gepräge gegeben hatte. Die nordischen Natio- 
nen waren, sehr geringe Ausnahmen abgerechnet, noch nicht vermögend 
gewesen, auf das Ueberlieferte eine selbständige Einwirkung auszuüben. 
Mit der Epoche des zehnten Jahrhiinderts traten veränderte Verhältnisse 
ein. Aus dem wirren Gemisch der Volksstämme, welche die Stürme der 
grossen Völkerwanderung durcheinander getrieben, aus den volksthiim- 
liehen Conglomeraten, die während der Dauer von Jahrhunderten in un- 
organischer Verbindung durcheinander gelegen, gingen neue Nationen 
und Staaten in eigenthümlicher, innerlich sich entwickelnder Gestaltung, 
in mehr oder weniger bestimmter Abgrenzung hervor. Mit selbständiger 
Kraft, in vielfach verschlungener Wechselwirkung, verbunden durch die 
Gemeinsamkeit des religiösen Bekenntnisses und der kirchlichen Institu- 
tionen, griEen sie nunmehr in den Kunstbetrieb ein, zu dessen Bethäti- 
gung die neue Gestalt des Lebens aufforderte. 
Zunächst konnte allerdings wiederum nur an das Ueberlieferte ange- 
knüpft werden. Die altchristliche Kunstform, dem gemeinsam kirchlichen 
Bande entsprechend, welches die jungen Nationen umfasst hielt, bildete 
die durch die Natur der Verhältnisse gegebene Grundlage des neuen 
Schaffens. Auch konnte das letztere, da jene Kunstform schon entartet, 
da die nordischen Nationen nicht im Besitz einer eigenthümlichen künst- 
lerischen Tradition von irgend umfassenderer Bedeutung waren, nur mit 
mehr oder weniger barbaristischen Anfängen beginnen. Aber ein freier 
und unbekümmerier Sinn: der sich nicht selten, auch wo die Behandlung 
eine derbe Rohheit zeigt, zu ernsthafter Grösse steigert, bekundet bald 
das Wehen des neuen Geistes. In verständiger Benutzung vorliegender 
Einzelmotive, in der Austiefung ihres Inhaltes, in der Offenbarung einer 
Phantasie, die  oft zwar _abenteuerlich und ungelenk  Stets reich- 
licher und reichlicher strömt, prägt sich das Siegel seiner Herrschaft aus.
        

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