Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1689709
Die russische Kunst. 
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In der bildenden Kunst der Russen herrschte von früh an, für die 
Zwecke heiliger Darstellung, eine eifrige Thätigkeit, aber so durchaus 
alles selbständig künstlerischen Sinnes ermangelnd, dass sich darin nicht 
minder die Stufe ausspricht, welcher das Ganze angehört. Wie beim Be- 
ginn der architektonischen Thätigkeit, so folgte man auch hier dem Ge- 
setze der byzantinischen Kunst, vermied daher, wie die letztere, alle 
selbständig plastische Darstellung, wandte sich fast ausschliesslich nur der 
Malerei zu. Man behandelte die Form in derselben völlig erstarrten 
Weise, welche sich in der jüngeren byzantinischen Malerei ausgeprägt 
hatte, und man hielt daran mit zähester Hartnäckigkeit fest. Verschie- 
dene Herrschergebote haben die Befolgung des feststehenden Typus der 
heiligen Bilder zur streng gesetzlichen Regel gemacht; sie hätten den 
durchgreifenden Erfolg nimmer haben können, wären sie nicht einfach 
der Ausdruck eines volksthümlichen Bedürfnisses gewesen, welches im 
Bilde nur den herkömmlichen und dadurch heiligen Typus der Verehrung, 
keinesweges aber die Bekundung eines irgendwie individuell entfalteten 
Lebens sehen will. Trotz jener eifrigen Pflege hat daher die nationell 
bildende Kunst der Russen in keiner Weise eine selbständige Entwicke- 
lung zur Folge gehabt; sie blieb nur das Mittel zur Befriedigung eines 
ausgesprochenen Bilderdienstes, und sie charakterisirt sich als solches 
u. A. auch durch die sehr beliebte unförmliche Bekleidung der verehrten 
Bilder mit schmückenden metallischen und andern Prachtstofen. Sie hat 
bis heute unter dem Volke in solcher Richtung verharrt, unberührt von 
den Einwirkungen abendländischer Kunst, welcher seit dem Eintritte der 
abendländischen Cultur die wirklich künstlerischen Kräfte des Landes aller- 
dings gefolgt sind. 
Wic die byzantinische Technik und Auffassung in Russland bis in 
die späteste Epoche maassgebend geblieben ist, bezeugen u. A. in über- 
raschender Weise mehrere metallene Prachtpforten, welche die oben 
(S. 256) geschilderte Niellotechnik in allgemeiner Anwendung zeigen. 1 
S0 sieht man auf dem kupfernen Westportal der Kathedrale von Susdal 
mit eingelegten Goldfäden die Geschichte Christi in starren byzantinischen 
Typen und -doch in lebendigen Compositionen dargestellt. Aehnlich die 
südliche Thür derselben Kirche. S0 hat die Sigtunische Pforte der So- 
phienkirche in Nowgorod ornamentirte Kreuze und Löwenköpfe in ver- 
wandtem Styl. Im Jahr 1336 wurde auf Befehl des Erzbischofs Wassili 
eine andre kupferne Thür derselben Kathedrale angefertigt, auf welcher 
die überlangen Figuren ganz mit Gold eingelegt sind. Noch späterer 
Zeit, vermuthlich erst dem 16. Jahrhundert, gehört endlich die kupferne 
Pforte der Uspens'schen Kathedrale zu Moskau an, die eine verwandte 
Behandlung zeigt.  
1 Vorzügliche Abbildungen in dem auf Befehl Kaiser Nikolaus herausgsge- 
benen Prachtwerk: Alterthümer des russischen Kaiserstaates, dessen sechs Bande 
eine reichhaltige Uebersicht über die bildenden Künste des alten Russland 59' 
währen. 
        

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