Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1689682
Die russische Klmst. 
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und Nowgorod zeichneten sich besonders durch solche aus. Doch schloss 
man sich durchaus dem künstlerischen Vorbilde des Reiches (des byzan- 
tinischen), von welchem man die Religionsform empfangen hatte, an. Das 
byzantinische Vorbild wurde völlig nachgeahmt, zuerst durch Hülfe frem- 
der Werkmeister, welche man aus den byzantinischen Landen bezog, 
dann durch einheimische Arbeiter, welche sich in der Schule der letzteren 
gebildet hatten. Dies Verhältniss dauerte bis in das dreizehnte Jahrhun- 
dert, wo die russischen Lande unter die Botmässigkeit der Mongolen 
fielen. Sie blieben zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch unter der 
fremden Oberherrschaft. Eine Weiterbildung der überkommenen Kunst- 
formen, zumal in einer nationell eigenthiimlichen Richtung, konnte bei 
derartigen Zuständen nicht eintreten; eine Hinneigung zu dem herrschen- 
den Orientalismus war das natürliche Ergebniss der Abhängigkeit. 
Einige Decennien vor dem Schlüsse des fünfzehnten Jahrhunderts 
wurde das fremde Joch abgeworfen. Sofort suchte die Nation oder such- 
ten ihre Fürsten der gewonnenen Selbständigkeit durch glanzvolle monu- 
mentale Unternehmungen einen Ausdruck zu verleihen. Die alten Tradi- 
tionen, die neue Zeitrichtung, der Sinn und Geist der herrschenden Mächte 
gaben die Elemente, aus welchen diese Denkmäler erwuchsen.  Die 
Grundlage des kirchlichen Gebäudes blieb die byzantinische, mit einer 
Behandlung des inneren Raumes, welche eine beschlossene, mysteriöse 
Wirkung erstrebte. Die überall beobachtete Scheidung des Altarraumcs 
von den übrigen Räumen des Inneren durch eine bis zur Decke empor- 
geführte Schranke, welche von ihrerAusstattung mit Heiligenbildern den 
Namen der Bilderwand, Iconostasis, empfmgß kommt hiebei besonders in 
Betracht. Das Aeussere stieg im stolzen Siegerbewusstsein empor, in 
Kuppeln über den verschiedenen Theilen des Gebäudes; der Tambour der 
Kuppel nahm mehr oder weniger eine thurmartige Gestalt, die Kuppel 
selbst zumeist eine geschweifte, birnenartige Form an. Man ordnete gern 
fünf, aber durch künstliche Grundrisscombinationen auch mehr, bis zu 
fünfundzwanzig solcher Kuppelthürme über einem Gebäude an. Die 
Form ist entschieden orientalisch, oft ein Mittelding zwischen der Kuppel 
über dem Körper des muhammedanischen Gebäudes und den Minarets 
auf seinen Seiten; die Behandlung ist willkürlich phantastisch, für das 
Einzelne in den verschiedenartigst spielenden Formen; nicht selten auch 
klingen die Elemente der occidentalisch europäischen Kunst hinein. Die 
Ausführung gehört zunächst, gegen Ende des fünfzehnten und im Anfang 
des sechzehnten Jahrhunderts, italienischen Architekten an, welche die 
Fürsten zu diesem Behuf in das Land riefen; sie erfanden nach dem 
Willen der Herrscher, nach dem Bedürfniss des Volkes, nach den vorge- 
schriebenen Elementen diesen fast capriciösen Architekturstyl, aber sie 
schufen damit so Entsprechendes für die vorliegenden Zwecke, dass die 
Erfindung Jahrhunderte hindurch volksthümlich blieb. Zugleich führten 
sie allerdings auch Werke aus, Paläste und dergL, bei denen minder 
strenge Bedingnisse vorgeschrieben waren und bei denen sie S0I111t Öle 
1 Denkm. d. Kunst, Taf. 35 A, Fig. 
Kugler, Handbuch der Kunstgeschichte. I. 
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