Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1689316
300 
Die muhammedanisohe Kunst etc. 
lerischen Bedürfnisse umzuarbeiteil. Doch hatte er von vornherein einen 
bestimmten Grundzug, der diesem Verschiedenartigen eine gemeinsame 
Richtung geben, der auch die Verwendung der traditionell überkomme- 
nen Formen von letzterem abhängig machen musste. Es ist die wunder- 
same, fast staunenswürdige Vereinigung des Widersprechenden":  die 
neue Erweckung des Orientalismus in seiner alten Phantasiefülle und 
seine gleichzeitige Abkehr von den selbständig belebten Gebilden der 
Phantasie und somit von der Macht, welche ihnen über das Leben ein- 
geräumt werden konnte. Jene begünstigte einen neuen Formenreich- 
thum und hatte es insbesondre zur Folge, dass bewegtere, schwellendere 
Bildungen, wie solche schon im alten Formengefühle des Orients lagen, 
vorzugsweise beliebt wurden; diese gebot die Vermeidung der Indivi- 
dualform, die Unterlassung figürlicher Darstellung. Entfesselung und 
Gebundenheit der Phantasie, beide gegenseitig aufeinander wirkend, 
brachten eine sehr eigenthümliche Weise des künstlerischen Ausdruckes 
zur Erscheinung. 
Das hierin beruhende negative Element der muhammedanischen Kunst, 
ihre Bildlosigkeit, ist zunächst ins Auge zu fassen. Der unablässige, fast 
in jeder Sure des Koran wiederkehrende Eifer Muhammedfs gegen Götzen- 
dienst und Götzenbildnerei ist seine Quelle. Er hatte zu dem Götzen- 
bildner gesagtzl "Deine Strafe soll sein, dass du zu Jedem, der dir 
begegnet, sagen musst: Rühre mich nicht an!" (d. h. dass dieser den 
Aussätzigen gleich geachtet werden sollte.) Er hatte Wein, Spiel, Bilder 
und Looswerfen geradehin als verabscheuenswürdig und als ein Werk 
des Satan bezeichnet? Es handelte sich vorerst allerdings nur um Bilder 
des Götzendienstes, indem die Culturverhältnisse, unter deneniMuham- 
med's Vorschriften entstanden, zur anderweitigen Bethätigung darstellen- 
der Kunst keine Veranlassung gaben; aber das Verbot musste, auch als 
die Verhältnisse sich umgestalteten und reichere Bedürfnisse eintraten, 
zu gewichtigen Folgerungen führen. Jedes Gebilde, welches den Schein 
des individuellen Lebens gewann, musste als ein Eingriff in die Allmacht 
Gottes erscheinen; der orientalische Nationalgeist war zu leicht erregbar, 
als dass ihm das selbständige Dasein eines solchen Werkes nicht als ein 
dämonisehes, seine Gedanken von der reinen Verehrung des Schöpfers 
ablenkend, entgegengetreten wäre; die bestimmte Anknüpfung der neuen 
Lehre an das alte biblische Gesetz und das dort ausgesprochene Verbot 
aller menschlichen und thierischen Bilders trug nicht minder dazu bei, 
dem Worte des Propheten die bedeutendste Ausdehnung zu geben. Die 
Ausleger des Koran liessen sich dies mit Eifer angelegen sein; sie säum- 
ten nicht, dem Verfertiger der Bilder am Tage der Auferstehung gräuel- 
voll phantastische Strafen anzukündigenß So blieb der Islam ohne alle 
1 Es sind die Worte, welche Muhammed in der zwanzigsten Sure des Koran 
dem Moses gegen Al Samir, den angeblichen Meister des goldnen Kalbes, in den 
Mund legt.  2 In der fünften Sure.  3 Fünftes Buch Mose, 4, 16, ü".  .4 Mu- 
hammed hatte in der sechsten Sure gesagt, dass die Ungläubigen am Tage der 
Aüferstehung ihre Sündenlast auf ihrem Rücken tragen würden. Jahias, einer 
der Oommentatoren des Koran, fügt erläuternd hinzu: das Gebilde, welches der 
Ungläubige in dieser Welt gemacht, werde an jenem Tage in abscheulieher Ge-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.