Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1689179
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Die Kunst der Hindus und_ ihre Ausläufer. 
stellungen, wo sie mit untergeschlagenen Beinen in kosender Gruppe 
sitzen. Aber freilich giebt sich das Alles eben nur wie die Verkörperung 
eines träumerischen, fast pllanzenhaften Daseins. Es fehlt diesen Ge- 
stalten, oder doch ihrer höchst überwiegenden Mehrzahl, nicht etwa nur 
jene Andeutung stärkerer Muskelkraft und die hierauf beruhende mark- 
vollere Bewegung, welche ein zum Handeln berufenes Geschlecht an- 
kiindigt; es fehlt, was noch mehr ins Gewicht fällt, jener tiefere Impuls, 
der den Körper als Organ eines geistigen Willens erkennen lässt, der 
Form und Bewegung zum Ausdrucke sittlichen Daseins oder der Conüicte 
eines solchen macht und durch den das Wesen der wahrhaft künstleri- 
schen Idealität bedingt wird.    
Eine Ausgleichung dieser Mängel strebt die indische Kunst durch 
phantastische Mittel an, durch Umbildungen der natürlichen Form, die, 
0b dem Ursprunge nach auch mehr oder weniger sinnbildnerisch, doch 
das Gebiet der Anschauung (der mythisch-volksthümlichen) einhalten. 
Indem sie sich nicht vermögend fühlt, ihre träumerischen Gestalten zur 
volleren Lebenskraft wachzurufen, glaubt sie dem Bedürfniss durchwer- 
mehrte Gliederfiille begegnen zu können. Sie giebt den Gestalten, welche 
die Befähigung zum mehr als gewöhnlichen Handeln ausdrücken sollen, 
eine grössere Anzahl von Armen; sie giebt denen, welche mehr als der 
gewöhnliche Mensch zu denken haben, mehrere Häupter. Oder sie ver- 
bindet, wie manche andre Kunst des früheren Alterthums, das Verschieden- 
artige, indem sie z. B. Thierhäupter von besonders charakteristischem 
Ausdrucke dem menschlichen Leibe zufügt. Sie bildet auch sonst Ge- 
stalten von seltsam barocker Erscheinung. Es ist eine ungeheuerliche, 
dem unbefangenen Sinn widerstrebende Welt, welche sie hiebei mit jenen 
naiv natürlichen Bildungen in nächste Berührung setzt. Aber das Naive 
wirkt auf jene in der That zurück. Bei den vielgliedrigen Gestalten 
weiss sie doch die der Natur entsprechende Hauptform festzuhalten und 
dieser das Uebrige mehr nur in der Weise eines Zubehörs anzufügen. 
Bei der Zusammensetzung des Verschiedenartigen weiss sie hier und dort 
umzuformen, dass in der That der Anschein des innerlich Zusammenhän- 
genden erreicht wird,  dass z. B. der Gott Ganesas, welcher das Haupt 
eines Elephanten trägt, auch in seinen menschlichen Theilen einiger- 
maassen auf dieses elephantische Gewicht hin vorgebildet erscheint. Sie 
weiss bei andern barocken Bildungen nicht minder einen gewissen inner- 
lichen Einklang zu bewahren. Es ist in der That wenigstens eine traum- 
hafte Bealität, zu welcher sich auch diese Erscheinungen ausbilden. Die 
letzteren stehen hiemit zu dem Traumleben jener naiveren Gestalten in 
einem eignen Wechselverhältnisse. 
Es ist endlich das natürliche Ergebniss einer künstlerischen Richtung, 
in welcher Gefühlsleben und Phantasie entschieden vorherrschen und das 
Vermögen zur nachwirkenden That und die Strenge des sittlichen Be- 
wusstseins fehlen, dass sie wohl im Kreise der beschränkteren Composition, 
nicht aber in derjenigen, die eine umfassendere Handlung zur Anschauung 
bringen soll, Ansprechendes leistet. Wie in Einzelgestalten, so ist die 
indische Kunst auch in einzelnen, minder umfangreichen Gruppen oft sehr 
glücklich. In iigurenreichen Scenen dagegen fehlt der ordnende Sinn,
        

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