Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1688661
Zweite Periode. 
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Dies an Krönungs- und Fussgesimsen, wie an den Kapitälen und Basen 
der Säulen. Neues tritt nur insofern hinzu, als das dunkle Gefühl sich 
geltend macht, dass die antiken Kapitälbildungen wenig geeignet sind, 
die Formen des Bogens zu tragen. Es wird, dem entsprechend (wie 
schon in der früheren ravennatischen Architektur), 1 ein zumeist trapez- 
förmiger Aufsatz über das Kapitäl gesetzt oder es wird das letztere selbst 
in einer mehr ausladenden bauchigen Form gebildet. (Bei den unteren 
Säulen von S. Vitale führt das Princip zu einer seltsam harten Zusam- 
menstellung der Grundformen.) Das Ganze dieser Kapitälbildung bedeckt 
"sich dann insgemein reichlich mit einem Hachen, schematisch gehaltenen 
Blattschmuck, der auch sonst zur dekorativen Bezeichnung des Details 
angewandt wird.  Die architektonischen Einzelformen sind jedoch, 
für die Besonderheiten der WVirkung des Inneren, von geringerer Be- 
deutung, als die Weise der anderweit durchgeführten stofflichen Aus- 
stattung. Diese hat sich vornehmlich an der Sophienkirche, bei-ihrer 
jüngst (1847 und 48) erfolgten Herstellung und Reinigung, in der ganzen 
ursprünglichen Fülle dargelegt. Zu den Säulenschäften sind hier die 
glänzendsten Prachtstücke spätrömischer Architektur, deren die Allmacht 
Justinian's nur habhaft werden konnte, verwandt worden. Wände und 
Pfeiler sind mit dem mannigfachsten Täfelwerk von Marmor und anderm 
kostbar buntem Gestein, in kunstreicher Abwechselung, zum Theil in 
musivischen Mustern, bekleidet. Vom Ansatz der Gewölbe an ist Alles 
mit Goldmosaik, aus welchem farbiges Ornament und figürliche Darstel- 
lungen hervor-leuchteten, bedeckt. Die unermessliche Pracht ist, zumal 
bei dem stets wechselnden Spiel der Lichter und YViderscheine, von be- 
rauschender Wirkung; ihre Einführung hebt aber die Gelegenheit zur 
Entfaltung eines organisch architektonischen Lebens völlig auf. In den 
Wölbungen, wo ein solches nach dem angewandten architektonischen Sy- 
steme, wenn auch nur in seinen Anfängen, vorzugsweise hätte hervor- 
treten sollen, ist selbst die constructive Form (der musivischen Technik 
zu Liebe) abgestumpft und sind nur farbig dekorative Andeutungen übrig 
geblieben. Der Styl des Ornamentes ist als ein starr gebundener, mit 
nur noch vereinzelten Reminiscenzen an das antike Dekorationsprincip, zu 
bezeichnen.  Das Aeusserehat nichts Namhaftes von architektonischer 
Einzelbildung oder von anderweitig schmückender Ausstattung. Es ist 
noch ebenso schlicht, wie das Aeussore der kirchlichen Gebäude der 
ersten Periode. 
Die eben geschilderten Bauwerke sind die Zeugnisse eines begeister- 
ten, aber mehr phantastischen als seiner Zwecke klar bewussten Auf- 
schwunges. Ihnen blieb auf lange Zeit hin das Staunen der Nachwelt, 
für die Cultusbedürfnisse mussten sich, auch abgesehen von der Kolosse- 
lität und der construetiven Kühnheit der Sophienkirche, einfachere, fester 
in sich geschlossene, auf das Gemüth des Beschauers mehr beruhigend 
wirkende architektonische Dispositionen ergeben. Einzelne Bauwerke 
geben das Beispiel der schlichteren und derberen Entwickelung, zu wel- 
cher der byzantinische Kirchenbau in den nächsten Jahrhunderten nach 
O 
Vergl 
oben
        

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