Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1688532
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VIII. 
Die altchristliche Kunst. 
ligen Schriften üblich war und deren sich auch Christus so oft bedient 
hatte, in die bildliche Darstellung; man erfand in verwandtem Sinne neue 
Elemente einer künstlerischen Gleichnisssprache. Vor Allem strebte man, 
von der Sendung Dessen, der als Tröster, als Lenker und Hüter der 
Herzen erschienen war, eine bildliche Anschauung zu gewinnen; in dem 
milden Gleichnisse, das Christus selbst gern von seiner Aufgabe gebraucht 
hatte, fand man die günstigste Anregung:  man stellte ihn unter dem 
Bilde des guten Hirten dar, der seine Heerde bewacht, der sie tränkt, 
der das verlorne Schaaf aus der Wüste rettet. Unzähligemal wiederholt 
sich diese Darstellung in den ersten Zeiten des christlichen Alterthums. 
Man ging dann zu den Momenten des messianischen Werkes über, indem 
man, sie zunächst durch Scenen aus den Geschichten des alten Bundes, 
welche sinnbildlich oder prophetisch die des neuen vorzudeuten schienen, 
auszudrücken bemüht war. Man stellte den Moses dar, welcher den 
Wasserquell aus dem Felsen schlägt, und verstand darunter die wunder- 
bare Geburt des Erlösers, welcher selbst der "Heilsbrunnen" war; man- 
deutete das Leiden des Hiob auf seine Leiden, die Opferung des Isaak 
auf sein Opfer, Daniel in der Löwengrube, die Geschichten des Jonas 
(welche besonders häufig dargestellt winden) auf seinen Tod und Auf- 
erstehung, die Himmelfahrt des Elias auf die seinige, u. s. w.; wobei es 
zugleich ganz wohl verstattet sein konnte, den (doch nur im allgemeinen 
Gedanken beruhenden) Gehalt solcher Darstellungen auch den persön- 
lichen Beziehungen der Gemeindegliedcr, ihrer Begnadigung, ihrem Be- 
kenntniss, ihren Leiden, ihrer Hoffnung, zuruwendcnß Man verknüpfte 
damit, in einer sehr eigenthümlichen, immer noch symbolisirenden Dar- 
stellung, Scenen des neuen Bundes, vorzugsweise solche, welche die alten 
Zeugnisse der Propheten von der messianischen Sendung erhärteten: das 
Hosiannah, das den Messias (bei seinem Einzuge in Jerusalem) begrüsste; 
die Belege seiner göttlichen Allmacht, in der Auferweckung des Lazarus, 
in der Heilung der Kranken, in dem Wunder mit den Broden u. s. w.; 
sein Wirken durch das Wort der heiligen Lehre. In solchen Scenen war 
die Darstellung einer Gestalt nöthig, welche das Walten Christi aus- 
drückte; als individuelle Persönlichkeit ward sie aber zunächst nicht 
gefasst, vielmehr entschieden ideal, dem Genius der altrömischen An- 
schauung entsprechend, als feierlich gewandeter, noch unbärtiger Jüng- 
ling. Es ist keine historische Bildnissgestalt, sondern eine Verbildlichung 
des Begriffes  des göttlichen "Wortes", eine neue Anwendung der 
schon in der klassischen Kunst üblichen (und dort allerdings aus mythi- 
scher Quelle stammenden) Weise der Personification. So darf es nicht 
befremden, auch andre derartige Typen, die zur herkömmlichen Kunst- 
sprache gehörten, namentlich die Personiflcationen von Erscheinungen und 
Gegenständen der Natur,  die des Himmels und seiner Zeichen, der 
 
1 Alle Symbolik ist vieldeulig. Der mögliche Doppelbezug jener Darstel- 
lungen, theils auf den Erlöser, theils auf die Gemeinde, kann um so weniger auf- 
fällig erscheinen. als diese in ihm ihr Vorbild fand. Es fehlt aber keineswegs 
an Zusammenstellungen, aus denen, für den Einzelfall, ihr ausschliesslioher Bezug 
auf den Erlöser und sein Werk mit Entschiedenheit hervorgeht.
        

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