Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1688403
Vorbemerkung. 
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noch fast unsinnliches Gefühl und  wo es darauf ankommt, mit Glanz 
hcrvorzutreten,  eine phantastische Pracht, wie sie primitiven Ent- 
Wickelungsstufen eigen ist, durchdringen einander in der altchristlichen 
Kunst zu einer neuen Erscheinung. 
Wie die römisch-griechische Kunst die gesammten Culturlande der 
alten Welt erfüllte, so tritt in ihrem Gefolge überall auch die a1tchrist- 
liche Kunst in mehr oder weniger gleichartigen Leistungen hervor. Doch 
hatten sich in der letzten Zeit des Römerthums im Einzelnen schon be- 
merkenswerthe Wandlungen kundgegeben; es hatte sich im Orient, be- 
sonders in Syrien, ein" eigen phantastischer Styl ausgebildet. Auch die 
christliche Kunst unterliegt ähnlichen Wandlungen. Zu Anfang zwar 
scheinen diese in minder erheblicher NVeise hervorgetreten zu sein; mit. 
der schärferen Scheidung der Lande des Occidents von denen des Orients, 
der westlichen Theile des Römerrreiches von denen des östlichen Kaiser- 
thums machen sie sich in bestimmt charakteristischer Weise geltend. In 
den letzteren bildet sich, altorientalisches Element aufs Neue mit Macht 
in das Leben führend, ein "byzantinischer" Geschmack aus, während im 
Westen der des "römisch-christlichen" Styles entschiedener herrschend 
bleibt. An Wechselwirkungen zwischen beiden Gattungen der altchrist- 
liehen Kunst fehlt es nicht; zugleich werden sie, von dem einen oder dem 
andern Punkte aus, auf die jungen Nationen übergetragen, die mit dem Sinken 
des alten Römerreiches auf den Schauplatz der Geschichte treten, wobei 
einzelne Zeugnisse einer jugendlich energischen Aufnahme des Ueber- 
tragenen, einzelne leise Schattirungen, welche den eignen künstlerischen 
Trieb dieser jüngeren Nationen bekunden, nicht ganz zu übersehen sind. 
Im Westen, wo der grosse Mischlmgsprocess der Völker vor sich geht, 
aus welchem eine neue europäische Welt sich gestalten sollte, verdunkelt 
sich allmählig; der künstlerische Gewinn der christlichen Frühzeit, tritt 
eine mehr und mehr gesteigerte Barbarisirung ein, aus der nur einzelne 
Erscheinungen von höherer Kraft, von geistvoller Erneuung des Aelteren 
auftauchen. Die Epoche dcs'zehnten Jahrhunderts bildet hier die Zeit, 
wo an die verlornen Fäden des alten Gewebes diejenigen sich anspinnen, 
welche das Gewebe einer neuen Zeit bilden sollen. Im Osten bleibt das 
alte Reich, bleibt, auch nach dessen späterem Sturze, das Wesentliche 
und Charakteristische der alten Kunstrichtung: im Schoosse der griechi- 
schen Kirche erscheint es noch heute als das volksthümlich maassgebende. 
Für das westliche Europa schliesst somit die Periode der altchristlichen 
Kunst, einzehie nachzüglerische Erscheinungen abgerechnet, mit der Epoche 
des zehnten Jahrhunderts; während die altchristliche Kunst des Ostens, 
die byzantinische, in erheblich spätere Zeiten und bis in die des heutigen 
Tages hinabreicht. 1 
 
1 Hauptwerke monumentaler Darstellung und Forschung: S. d'AgiI1C0v-I'Ü1 hi- 
Siioire de Part par les monumens depuis sa. däcadence etc. (Deutsch VOR F- V- 
Quast.)  Oiampini, vetera monimenta.  Gailhabaud, Denkmäler der Bau- 
kunst, II.  H. Gally Knight, the eeclesiastical arehiteeture of Italy.  Die 
Basiliken des oluistlichen Roms; (die Kupfer von Gutensohn und Knapp, früher 
K11 glc r, Handbuch der Kunstgeschichte. I. 14
        

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