Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1688392
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VHI. 
altchristl 
iche Kunst. 
etwa mitvcinei- Umdeutung ihres älteren Gehaltes, mit einer Umbildung 
ihrer Formen für den neuen Gedanken, zur Erscheinung kommen musste. 
Das christliche Gemeinwesen, sobald es sich kirchlich einigermassen ge- 
gliedert hatte, bedurfte eigenthümlich geordneter, würdig ausgestatteter 
Räumlichkeiten; es hatte Erkennungszeichen nöthig, Sinnbilder, welche 
das Gemüth rührten; es konnte sich, soweit die Umstände dies verstat- 
teten, nicht versagen, derjenigen seiner Umgebungen, die ihm eine heilige 
war, den, Ausdruck der Gemüthsstimmung seiner Bekenner zu geben. 
Umfassender war dies der Fall, nachdem die christliche Kirche, in der 
Frühzeit des vierten Jahrhunderts, öffentliche Anerkennung empfangen 
hatte und bald zur herrschenden geistigen Macht geworden war. Dies 
führte zu äusseren Ansprüchen und Erfolgen und zu künstlerisch mo- 
numentalen Unternehmungen, deren Aufgabe es war, für die gewonnene 
Herrscherstellung ein mehr und mehr glänzendes Zeugniss abzulegen. 
So bildete sich auf dem Grunde und aus den Formen der alten, der 
griechisch-römischen Kunst, eine andre aus, welche als eine christliche 
bezeichnet werden darf und welche, solange sie auf jener Grundlage be- 
harrte, den Namen der altchristlichen Kunst führt. Die Bahn der alten 
Kunst aber ging abwärts, als die christliche begann, und mehr und mehr, 
während der schüchternen Anfänge, der letzteren, war ihr Gehalt, war die 
Kraft, das Leben, der Wohllaut ihrer Formen geschwunden. Es war 
eine verdorbene Kunst, deren Gestaltungen die christliche sich aneignete, 
deren Mittel sie für ihre eigenthümlichen Zwecke verwandte. Die alt- 
christliche Kunst ist die unmittelbare Fortsetzung der antiken, bildet  
lediglich von der Seite der Form betrachtet  nur die Fortsetzung des 
Verderbens der letzteren. Dennoch ist der Einfluss des neuen Gedankens, 
welcher die Welt bewegte, auch in ihren TVerken unverkennbar, ist es 
wie ein unsichtbarer und doch das Gemüth ergreifender Hauch, was aus 
diesen Werken zu uns spricht, was ihnen eine selbständige Eigenthüm- 
lichkeit giebt, sie zu späteren Umwandlungen, zur Entwickelung eines, 
auch formal hoch bedeutenden neuen Lebens von innen heraus vorberei- 
tete. Die architektonische Kunst ist, den Zwecken des christlichen Cultus 
gemäss, wesentlich dem inneren Raume zugewandt; sie befolgt zunächst 
einfach die römischen Muster, aber sie ändert an den räumlichen Ver- 
hältnissen dieser Muster, ihrer Theile, an dcr Weise des Zusammen- 
hanges der letzteren, und sie bringt dadurch räumliche Eindrücke hervor, 
denen eine schlichte Würde, eine ruhige Majestät nicht abzusprechen ist; 
sie weiss sodann durch den Gewinn technisch constructiverCombinationen 
den Eindruck mächtig zu steigern. Die bildende Kunst fährt nicht minder 
in dem hergebrachten Style, in der üblichen Behandlungsweise der römi- 
schen Bildnerei fort; aber sie hat aus jener Zeit der Scheu vor den bild- 
lichcn Dingen eine Jungfräulichkeit beibehalten, welche den entarteten 
Formen, wenigstens in den ersten Jahrhunderten christlicher Kunstübung, 
nicht selten einen eignen stillen Reiz gewährt. Es ist in ihren Schöpfun- 
gen etwas Sinniges, Gedankenhaftes, das selbst da nicht ganz vcrlischt, 
wo die Form zur prunkvollen Darlegung der Herrlichkeit der siegreichen 
Kirche verwandt wird und mehr und mehr zum Schema erstarrt. Die 
verdorbenen Fragmente einer weiland hochgebildeten Kunst, ein tiefes,
        

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