Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1687771
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Die hellenische Kunst. 
bezeichnen; seine vielfach wiederholte und stets bis zur bewunderten 
Vollendung durchgeführte Aufgabe war es: ein hold aufblühendes Leben 
darzustellen, das in sich wie ein ahnungsvolles Geheimniss alle Zukunft 
lebenspendender Triebe birgt. Seine Kunst war sinnlich, wie alle Kunst, 
welche der sinnlichen Erscheinung Genüge thun will; verlockend wie die 
Natur, und rein wie die Natur, deren absichtsloses Walten auch nur dem, 
welcher das eigne Ich aufgiebt, verlockend wird. Vorzüglich berühmt, 
das gefeiertste Kunstwerk der alten Welt, war seine Statue der nackten 
Aphrodite zu Knidos, die im rings offenen Tempel hoch erhaben dastand, 
leise lächelnd und wie mit dem Ausdrucke feuchten Glanzes im Auge, 
die Schaam mit der einen Hand deckend, mit der andern ein auf einer 
Vase liegendes Gewand fassend. ' Mehrere Nachbildungen, namentlich im 
vatikanischen Museum, lassen die stille, in sich beseligte Grösse dieses 
lieblichsten Wunders, von dem die Verse und Schilderungen des Alter- 
thums sprechen, nachempfinden. Ausser ihr werden noch verschiedene 
andre Aphroditestatuen genannt, darunter eine bekleidete zu Kos. Ebenso 
eine Anzahl von Statuen des Eros, im reizvollen Uebergange aus dem 
Knabenalter in das des Jünglingcs, besonders gepriesen die zu Parion 
und zu Thespiä. Ein Nachbild des letzteren findet man in dem schönen 
Torso des Vatikans, mit schmachtendem, fast tiefsinnjgem Gesichtsaus- 
drucke; ebenso in einer Statue des Museums von Neapel. Auch die Ge- 
stalten des bacchischen Kreises behandelte Praxiteles in ähnlich zarter  
Anmuth; fast in allen Museen, nicht selten mehrfach, findet sich die 
Statue eines an einen Baumstamm gelehnten und in heitrer Schalkheit 
vor sich hinblickenden Satyrs, der ohne Zweifel einem seiner berühmte- 
sten Originale nachgebildet ist. Für den Apollon wählte er dasselbe 
zartere frühe Jugendalter, in der Darstellung des Eidechsentödters) des 
Apollon Sauroktonos), von der sich wiederum vielfach Nachbildungen er- 
halten haben. So deuten auch andre jugendliche Apollogestalten, z. B. 
der schöne "Apollino der Florentiner Gallerie, auf die durch ihn ausge- 
prägte Bildung des Gottes zurück.  Es ist übrigens zu bemerken, dass 
neben Marmorarbeiten seiner Hand mehrfach auch Werke von Erz ange- 
führt werden. 
Sohn des Praxiteles und „Erbe seiner Kunst" war Kephisodotos. 
Eine Notiz über ihn scheint eine gröber sinnliche Kunstrichtung zu be- 
zeichnen. Bei andern Meistern der attischen Schule tritt, was die schrift- 
lichen Nachrichten betrifft, keine weitere charakteristische Eigenthiimlich- 
keit hervor." Silanion soll eine sterbende Iokaste von Erz gearbeitet 
und ihrem Gesichte durch Beimischung von Silber die Blässe des Todes 
gegeben haben, ein Verfahren, das (falls die Erzählung überhaupt richtig 
ist) in der Absicht allerdings die allgemeine Zeitrichtung, in der Ausfüh- 
rung aber eine schon sehr missverstandene Erneuung polychromatischer 
Sculptur erkennen lässt.  
Als namhafter Meister der peloponnesischen Schule ist zunächst, um 
die Mitte des Jahrhunderts blühend, Euphranor zu nennen, ein vielsei- 
tiger und gelehrter Künstler, der zugleich als Maler thätig war und der 
besonders dahin arbeitete, die polykletischen Proportionen des mensch- 
lichen Körpers durch leichtere zu ersetzen.
        

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