Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1687762
Dritfe Periode. 
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fast ausschliesslich Marmor, der, wie kein andrer Stoff, die zarteste Durch- 
bildung, die innigste Beseelung, die feinste Berechnung jener malerischen 
Durchbildung verstattet. 
Der erste grosse Meister der Schule ist Skopas, von der Insel 
Paros, in der ersten Hälfte und um die Mitte des vierten Jahrhunderts 
blühend. Werke von ihm waren weit verbreitet; es waren zumeist Göt- 
terbilder, aber solche, deren Erscheinung oder Auffassung der eben be- 
zeichneten Richtung vorzugsweise angehört: der nachmals sogenannte 
palatinische Apollon, langgewandet und mit der Cither, als begeisterter 
Führer des Musenreigens; andre Personen des apollinischen Mythus; 
Aphrodite und Gestalten ihres Kreises,  eine dieser Aphroditestatuen 
ausdrücklich als nackt bezeichnet, das-' erste Beispiel der Art; Dionysos 
und Figuren seines Gefolges, darunter eine Mänade, welche im wildesten 
Momente bacchischen Taumels dargestellt war; eine Gruppe von Meer- 
göttern, auf Delphinen und Iflippokampen sitzend, welche, wie es scheint, 
die von Hephästos für Achill gefertigten Waffen trugen, u. s. w. Auf 
den Apollo Musagetes scheint eine im vatikanischen Museum zu Rom be- 
iindliche Nachbildung zurückzudeuten; die Mänade hat man in mehreren 
Nachbildungen, eine sehr vorzügliche zu Paris im Louvre, erkannt. Eine 
nähere Charakteristik des Meisters ist aus den Berichten über seine Thä- 
tigkeit oder urkundlich sicheren iVerken seiner Hand nicht zu entneh- 
men; nach seinen Aufgaben und dem Allgemeinen der Darstellung darf 
angenommen werden, dass b_ei ihm die Richtung der Zeit in einer mäch- 
tigeren, bewegteren, mehr ekstatischen Weise hervorgetreten sei. Doch 
waren, in Betreü" einer am Tempel des sosianischen Apollo zu Rom be- 
iindlichen Gruppe der sterbenden Kinder der Niobe, die römischen Kunst- 
kenner zweifelhaft, ob sie von Skopas oder von Praxiteles herrührte- 
Ausserdem wird angeführt, dass Skopas gleichzeitig mit andern, zu- 
meist wohl jüngeren Künstlern an dem Mausoleion von Halikarnassos ge- 
arbeitet habe, wie es scheint: zur Ausführung des Bilderfrieses der äus- 
sercn Säulenumgebung. Dies waren Timotheos, Bryairis und Leo- 
chare s. Auch von ihnen werden noch anderweitig Werke genannt; von 
Leochares namentlich die Gruppe eines vom Adler emporgetragenen Ga- 
nymed, deren" zartgefühlte Behandlung gepriesen wird und deren Nach- 
bildung im vatikanischen Museum erhalten zu sein scheint, sowie die 
Bilder mehrcrenPersonen aus der Familie Alexanders d. Gr. zu Olympia, 
aus Elfenbein und Gold gearbeitet, vielleicht um ihrer Erscheinung durch 
diese Wiederaufnahme altgeheiligter Technik das Gepräge einer götter- 
ähnlichen Würde zu geben. '  
Der zweite vorzüglichst bedeutende Meister der neuattisehen Schule 
war Praxiteles von Athen. Auch er wird gelegentlich (statt des Ti- 
motheos) unter den bei dem Mausoleion arbeitenden Bildhauern genannt. 
Die Gegenstände seiner künstlerischen Darstellung waren denen des Sko- 
pas im Allgemeinen entsprechend und, wie es scheint, noch mannigfalti- 
ger; sein eigenstes WVesen aber scheint sich nicht sowohl in Momenten 
erregter Bewegung als in denen einer süss träumerischen Ruhe ausge- 
sprochen zu haben. Er vor Allen ist als der Meister der Grazie zu 
 Kugler, Handbuch der Kunstgeschichte. I. 10
        

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