Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1687615
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Die hellenische Kunst. 
angehören, ausgezeichnet. Aber er sah von den Momenten irgend be- 
wegter Handlung völlig ab; er nahm die Gestalten seiner vorzüglichst 
gepriesenen Werke aus jenem Kreise, um in ihrer jugendlichen Vollendung 
und in einer die Körperform entfaltenden einfachen Bewegung das Gesetz 
reiner Schönheit aussprechen zu können. Es ist eine künstlerische Rich- 
tung, welche nichts will, als die Menschennatur in ihrer völlig klaren 
Entwickelung, frei von all den einseitigen Bedingnissen, welche durch 
unreifes, herbes, welkes Alter, durch geschlechtliches Verhältniss, durch 
Arbeit und Sorge herbeigeführt werden, darzustellen, welche auf das 
völlige Gleichmaass des Organismus, auf das völlige Wohlgefühl der Ge- 
sundheit hinausgeht und deren Ziel und Zweck es ist, das Meisterwerk 
der Schöpfung als solches zur dauernden Erscheinung zu bringen. Unter 
diesen Arbeiten des Polyklet werden, neben andern Athletenfiguren, be- 
sonders ein Diadumenos und ein Doryphoros gerühmt; jener ein Jüngling 
von weichen Formen, der sich die Binde um das Haupt legt, und auf 
den einige Nachbildungen, wie eine Statue im Pallast Farnese zu Rom, 
zurückdeuten; dieser ein "männlicher Knabe" mit einem Speer. An 
einem Werke, welches den Namen des Kanon führt, hatte Polyklet die 
ganze Wissenschaft seiner Kunst, das Gesetz des Ebenmaasses, auf 
welchem die letztere beruhte, wie in einem vollständigen Lehrbegriife 
entwickelt: es ward gesagt, dass er, wie kein anderer vor oder nach ihm, 
in diesem einen Werke das Wesen der Kunst selbst beschlossen habe. 
Es galt lange Zeit den nachfolgenden Künstlern als Norm und Regel, 
und erst in den Zeiten eines überfeinerten Geschmackes hielt man die 
polykletischen Körper-Proportionen für zu derb. Ferner sind, als Arbeiten 
ähnlicher Art von Polyklets Hand, zwei würfelspielende Knaben anzu- 
führen, die von Einigen für das vollendetste Werk des gesammten Alter- 
thums erklärt wurden; und eine Amazone, das Preisstück des mehrfach 
genannten Wettkampfes.  Von Götterbildern, die Polyklet gefertigt, 
erscheint nur eins von Bedeutung, ein reiches chryselephantines Kolossal- 
bild der Hera zu Argos, welches, abweichend von den übrigen Sculpturen 
und der ganzen Richtung des Meisters, in der Weise der Tempelbilder 
des Phidias, später als diese (nach 423) und wohl durch bestimmte An- 
regung der chryselephantinen Werke der attischen Schule in solcher Weise 
entstanden war. In "dem grossartigen Kolossalkopfe der Hera, der sich 
in der Villa Ludorvisi zu Rom beündet, darf eine Nachbildungdes poly- 
kletischen Ideals erkannt werden. 
An Polyklet schliesst sich ein Kreis von Schülern und Nachfolgern 
an. Mehrere derselben betheiligten sich an iigurenreichen Weihgeschenken, 
welche die Lakedämonier in Delphi aufstellten. Zu den namhafteren 
Nachfolgern gehört N aukydes, der als der Lehrmeister eines jüngeren 
Polyklct, ebenfalls eines Künstlers von Bedeutung, genannt wird. 
Eine erhebliche Anzahl von Originalbildwerken,  Reste von Tempel- 
seulpturen, denen sich einige Einzelwerke anreihen, giebt eine nähere 
Anschauung des künstlerischen Styles dieser Epoche und seiner Wand- 
lungen. 
        

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