Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1687579
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Die hellenische Kunst. 
und Elfenbein, Marmor, auch Erz, edle Frauengestalten, Rossgespanne u. dgl. 
SeineArbeit hatte noch einige Strenge, verbunden mit feiner Naturbeobach- 
tung in den Thierbildern und mit zuchtvoller Grazie in den Frauengestalten. 
Der zweite Meister ist Pythagoras aus Rhegion, als dessen Arbei- 
ten, neben einigen wenigen Götterbildern und heroischen Gestalten, be- 
sonders die Statuen athletischer Sieger angeführt werden. Es wird bei 
diesen die feinere Durchbildung der körperlichen Form und der harmo- 
nische Rhythmus der Erscheinung gerühmt, somit, wie es scheint, eine 
höhere Vollendung dessen bezeichnet, was z. B. in den ävginetisehen Sta- 
tuen angestrebt war. 
Drei folgende gleichzeitige Meister, Myron aus Eleutheräi, Phidias 
von Athen und Polyklet aus Sikyon, deren jedem eine mehr oder weniger 
grosse Zahl von Schülern und Nachfolgern sich anschliesst, bilden die 
grossen I-Iöhenpunkte der hellenischen Kunst dieser Zeit. Sie waren in 
gemeinsamer Schule, der des Ageladas von Argos, gebildet, ein Umstand, 
der allerdings eine freiere und reichere Entwickelung, als in der Enge 
einer Lokalschule zu erreichen war, ankündigt. Gleichwohl sprechen sich 
in ihnen aufs Neue die Gegensätze des Hellenismus aus, doch eben in 
freieren, mehr begeistigten und bewussten Richtungen. 
Myron, aus Eleutherä im Grenzlande zwischen Attika und Böotien 
stammend, wird den_Athenern zugezählt. Er war vorzugsweise Erzbildner. 
Als Werke seiner Hand werden, neben einigen wenigen Götterstatuen, 
besonders Heroengestalten, unter denen Herakles mehrfach wiederkehrt, 
athletische Figuren und Thierbildungen aufgeführt. Unter den athletischen 
Figuren sind einige, die wegen der so kühnen wie kunstvollen Darstel- 
lung höchst. concentrirter Handlung vorzugsweise gepricsen- werden; so 
die Statue des Schnellläufers Ladas, der im Momente der äussersten und 
letzten Anspannung der Kräfte gefasst war; so die Statue eines Diskus- 
werfers im Augenblicke des Abschleuderns. Der Ruhm der letzteren 
erhellt zugleich aus einer Anzahl von Nachbildungen, welche auf unsre 
Zeit gekommen sind; die vorzüglichste im Hause Massimi zu Rom. Nicht 
minder ausgezeichnet waren die Thierbildungen, namentlich die Figur 
einer Kuh; die unvergleichliche Naturlebendigkeit der letzteren hat zu 
einer Menge von preisenden Sinngedichten Anlass gegeben. Die Ent- 
wickelung regsten Lebens, in den entschiedenstcn Momenten seiner Be- 
thätigung, giebt sich hiedurch als das Wesentliche in Myrons künstlerischer 
Richtung kund; mit reiflichstem Bedacht, mit schärfstem Eingehen auf die 
Gesetze des körperlichen Organismus wusste er „dic Wahrheit zu ver- 
vielfachen." Doch blieb er bei solchem Streben, welches den weiteren 
Entwickelungen der Kunst eine feste Grundlage zu bereiten geeignet war, 
den Zufälligkeiten der realen Erscheinung, der Leidenschaft, dem Pathos 
des Individuellen noch durchaus fern. Es verieinigte sieh hiemit bei ihm 
sogar noch eine charakteristische Strenge der Behandlung, besonders in 
den Köpfen seiner Gestalten; das Haar soll" an diesen selbst noch in 
alterthümlich conventioneller Weise behandelt worden sein. Jedenfalls 
war er der ältere neben Phidias und Polyklet, was u. A. auch daraus 
hervorgeht, dass, wie er mit Pythagoras, so diese mit einem seiner Nach- 
folger im künstlerischen Wettkampfe standen.
        

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