Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1687556
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Die hellenische Kunst. 
in der Bildung der Formen wie zum grossen Theil auch in dem derben 
Gesammtverhältniss, das Gepräge eines strengeren Dorismus; Einzelnes; 
in seiner schwereren Gestaltung, schliesst sich unmittelbar noch der siei- 
lianischen Behandlungsweise der vorigen Epoche an. Gleichzeitig macht 
sich aber auch eine Einwirkung jener Läuterung der Form, welche vor- 
nehmlich der attischen Bausehule angehört, bemerklich. Das Widerspiel 
der einheimischen Schwere und dieser feineren Grazie lässt in den Detail- 
formen der jüngsten Monumente dieser Epoche, zumal bei den sehr kolos- 
salen Bauten, welche in der Spätzeit derselben unternommen wurden, 
und bei den, von solcher Kolossalität abhängigen materiellen Bedingnissen 
eine gewisse charakterlose Unbehiilflichkeit zur Erscheinung kommen. 
Die Reste des Athene-Tempels auf der Insel Ortygia zu Syrakus, 
in die Mauern der dortigen Kathedrale verbaut, tragen noch ein Gepräge, 
welches auf die erste Hälfte des fünften Jahrhunderts deutet.  Von 
drei, dieser Epoche angehörigen Tempeln zu Selinunt gehört .der süd- 
liche Tempel des westlichen Hügels etwa der Mitte, der südliche Tempel 
des östlichen Hügels der zweiten Hälfte und der höchst kolossale nörd- 
liche Tempel des östlichen Hügels mehr dem Ausgangs des Jahrhunderts 
an. Der letztere, Altcrthümliches und Spätes in der Formation auf etwas 
abnorme Weise mischend, gilt als Tempel des olympischen Zeus und war 
bei der Zerstörung der Stadt durch die Karthager im J. 409 noch un- 
vollendet.  Ein Tempelruin zu Segesta, dessen Säulenumgebung nebst 
Gebälk und Giebeln noch aufrecht steht, erscheint ebenfalls als ein un- 
vollendeter Bau aus der Spätzeit des Jahrhunderts.  Agrigent hat in 
den Resten eines Tempels des Zeus Polieus (in die Kirche S. Maria de' 
Greci verbaut) und in dem zum Theil erhaltenen sogenannten Tempel 
der Juno Lacinia Beispiele der günstigeren Entwickelung des Stylcs. Da- 
gegen deutet der sogenannte Tempel der Ooncordia, dessen Aeusseres 
wiederum wohl erhalten ist, in seinen mehr charakterlosen Formen auf 
die spätere Zeit des Jahrhunderts. Dasselbe ist der Fall bei dem kolos- 
salen Tempel des olympischen Zeus, welcher, gleich jenem selinuntischen 
Tempel, bei der Zerstörung der Stadt durch die Karthager im J. 405 un- 
vollendet war. Es war der grösste Tempel des hellenischen Alterthums 
nächst dem Artemistempel von Ephesos. Die Absicht der kolossalen Di- 
mensionen bei einem minder günstigen Baumaterial hatte hier die eigen- 
thümliche Anordnung veranlasst, dass, statt der Umgebung des Tempel- 
hauses durch eine freie Säulenhalle, eine Mauer mit vertretenden Halb- 
säulen und zugehöriger Gebälkarchitektur umhergeführt war. Das Innere 
des Tempelhauses war ein ausgedehnter Hypäthralban, mit Wandpfeilern, 
über denen sich kolossale Gigantenfiguren als Träger des Gebälkes 
erhoben. 
Einige wenige Baureste dorischer Art, die im italischen Gross- 
griechenland erhalten sind, deuten bestimmt auf die Beibehaltlmg alter- 
thümlichcr Elemente im weiteren Verlaufe des fünften Jahrhunderts. 
Dahin gehört zu Metapont, am tarantinischen Meerbusen, ein Theil 
von der Säulenstellung eines Peripteraltempels, der bei edeln Verhältnissen 
durch die alterthümlich kräftige Kapitälbildung bemerkenswerth ist; wäh- 
rend bei einem andern Tempelruin die in gebranntem Thon gefertigten
        

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