Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1687336
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hellenische Kunst. 
Die 
sich zugleich äusserlich in einer mehr und mehr monumentalen Weise der 
Behandlung. Der alte Holzbau hatte sich in einen Steinbau von energi- 
scher Structur umgewandelt, der nur noch die Reminiscenzen an jenen 
beibehielt. Man nahm das geeignetste Steinmaterial, welches der Boden 
darbot; man wandte sich, als man die Vorzüge des Marmors kennen ge- 
lernt, am liebsten diesem Matcriale zu, zunächst für die feineren Theile, 
besonders für das Bildwerk, dann, soweit es überhaupt thunlich war, für 
das ganze Gebäude. Minder edles Gestein empfing einen marmorähn- 
liehen Stueküberzug. Die alten hölzernen Tempelbilder mit ihrem Ge- 
wandputz wurden nicht minder durch Arbeiten möglichst gediegenen 
Stoffes, festen und edeln Holzes, Elfenbeins, Goldes, ersetzt. Die Arbeit 
in gebranntem Thon fand im Erzguss, namentlich für die im Freien auf- 
zustellenden Bildwerke, einen willkommenen Ersatz. Für selbständiges 
Bildwerk wurde der Marmor erst sehr allmählig angewandt.  
Die architektonische Composition gestaltete sich, ihren Grund- 
zügen nach, in folgender Art. 
Die Oella des Tempels als eigentliches Gemach für das Götterbild; 
zuweilen, für geheimnissvolle Cultzwecke oder sonstige Bestimmung, ein 
besondres Hintergemach. Bei grossen Fcsttempeln eine ausgedehntere 
Oella, mit zum Theil offener und von Säulen getragener Decke (Hypäthron, 
 Hypäthral-Tempel). Eine. gastlich geöffnete Vorhalle (Pronaos), zu 
den Seiten durch die Tempelwände geschlossen, das Gebälk der Vorder- 
seite von Säulen gestützt. In einzelnen Fällen eine ähnlich gestaltete 
Hinterhalle. (Vor-hallen mit freivortretendcrSäulenreihe, ohne Seitenwände, 
scheinen einer jüngeren Entwickelungsstufe angehörig.) Dann das Ganze, 
in reicher architektonischer Gliederung, auf allen Seiten von Säulenhallen 
umgeben (Peripteral-Tcmpel). Das System nach den ursprünglichen und 
dadurch geheiligten constructionellen Bedingnissen des Holzbaues geordnet, 
aber in einer Weise behandelt, welche durchaus auf den Gesetzen des 
ästhetischen Gefühles beruht. Daher ein vollkommen rhythmisches Ver- 
hältniss zwischen Theilen, Oeifnungen und Massen:  ein ansehnlicher 
Stufenbau als Grundlage des Ganzen; kräftige Säulen und mässige Zwi- 
schenweiten zwischen ihnen, entsprechend der durch den Bilder-schmuck 
bedingten grösseren Fülle des Gebälkes; ein Giebel, dessen mässige Höhe 
mit den Gebälkverhältnissen wiederum in Einklang steht. 
Der dorische Bau vorzüglich energisch durchgebildet, den künst- 
lerischen Zweck des Einzelnen überall bestimmt und in einfacher Form 
aussprechend. Die Säule (nach dem Vorgange der ägyptisch-protodori- 
sehen Form) in vollkommener Lebendigkeit organisirt, straff, kühn, fest 
in sich; ohne Basis; der Echinus des Kapitäles, der unter der Deckplatte 
(dem Abakus) emporquillt, als vorzüglichst entscheidendes Kennzeichen 
für die besondre Weise stylistischer Behandlung. Das Gebälk nach der 
Reminiscenz des einfachen Holzbaues gestaltet: die Triglyphen des Frieses, 
über dem einfachen Architrav, an Stelle der einst vertretenden Köpfe 
starker Querbalken, und zwischen ihnen die Bilderfelder der Metopen; 
die Mutulen unter der krönenden, stark abschliessenden Hängeplatte, als 
Erinnerung des überragenden schrägen Dachwerkes. Diese Theile des 
Gebälkes, welche auf die alte Holzeonstruction zurückdeuten, zugleich 
        

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