Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1687284
Epochö. 
Vorbereitende 
97 
Für den Styl dieser altdorischen Bildnerei gewinnen wir eine An- 
schauung aus einer Gattung von Thongeräthen, die in erheblicher Zahl 
erhalten sind, den bemalten Vasen ältester Art. Es sind diejenigen, 
welche gewöhnlich unpassend als ägyptische oder ägyptisirende bezßichngt 
Werden. Sie haben gedrückte rundliche Formen und eine matte hellgelbe 
Grundfarbe, auf welche Darstellungen in schwärzlicher und bräunlicher 
Farbe, auch mit Hinzufügnng von violetten, rothen, weissen Tinten gemalt 
sind; in der Regel Thiergestalten, zum Theil von phantastischer Bildung 
(namentlich geflügelte), bei grösseren Gefässen reihenweis übereinander 
geordnet. Menschliche Gestalten kommen selten vor; sie erscheinen zu- 
meist in Kämpfen mit Thieren, der hellenischen Heroenmythe entnommen. 
Nach dem Charakter der dabei befindlichen Inschriften (dorischen Dia- 
lektes) gehören diese Vasen besonders dem sechsten Jahrhundert an, fallen 
Zum Theil auch Wohl noch später, bekunden zugleich aber ein handwerk- 
liches Herkommen, welches unbedenklich auf alter Ueberlieferung beruhte. 
Nach einzelnen Funden- darf geschlossen werden, dass sie vorzugsweise 
zu Korinth gefertigt wurden. Das Wesentliche in ihrer stylistischen Eigen- 
thümlichkeit bezeichnet noch immer ein entschiedenes Vorwiegen des 
orientalischen Geschmackes: wie sich derselbe schon in der äusseren Form 
der Gefässe ausspricht, so in vielen Einzelheiten der gemalten Darstel- 
lungen, namentlich in jenen Wunderthieren, welche zum grossen Theil 
geradehin bis auf die assyrischen Vorbilder zurückgehen. Die späte Dauer 
dieses Fabrikzweiges mag auf der Starrheit einer handwerklichen Tra- 
dition beruhen: die künstlerisch geringere Selbständigkeit der Arbeiten 
bedingt es, sie als den Ausfluss und Abdruck einer Geschmacksrichtung 
zu betrachten, welche zur Zeit ihres Beginns und ihrer grösseren Ver- 
breitung jedenfalls die vorherrschende war. 
IlQSo sehen wir auch in der altdorischen Bildnerei vorerst die Elemente 
orientalischer Kunst beibehalten, auch hierin eine Stufe künstlerischer 
Ausbildung bezeichnend, welche von der etruskischen innerlich nicht ver- 
schieden' ist. Wir erkennen es ferner, dass die selbständige Ausprägung 
der hellenischen Kunst, indem jenem Betriebe noch so spät ein Theil 
unverkümmerten Lebens vergönnt war, ebenfalls erst spät eingetreten 
sein konnte. 
Die Beschreibung eines merkwürdigen Werkes dekorativer Kunst, 
welches die korinthische Herrscherfamilie der Kypseliden im Laufe des 
siebenten Jahrhunderts in den Heratempel zu Olympia weihetef lässt 
nicht minder Anklänge an jene Darstellungsweise erkennen. Es ist die 
„Lade der Kypseliden", ein ansehnliches Werk aus Cedernholz, welches 
mit einer überaus grossen Fülle bildlicher Darstellungen von geschnitzter 
gründete Auffassung veranlasst haben. Aehnlich irrthümliche Auffassungsweise ist 
in neuerer Zeit nicht selten. S0 wenig z. B. die Einflüsse italienischer Kunst auf 
die deutsche seit dem löten Jahrhundert zu leugnen sind, mit ebenso grossem 
Unrecht hat man dergleichen in vielen Fällen auch für das Mittelalter (wo viel 
richtiger Eintlüsse des Nordens aufltalien nachgewiesen werden können) annehmen 
zu müssen geglaubt. 
1 Pausanias V, 17, 2 E.   
Kugler, Handbuch der Kunstgeschichte. I. 7
        

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