Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685854
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1687160
Büttel-Italien, vornehmlich Etmlien. 
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stark hervorspringen. Die Einrichtung "scheint eine frühe Stufe der Ent- 
wickelung zu bezeichnen.  Für die in Rede stehende Epoche fehlt-es 
an Weiteren Beispielen einer künstlerischen Verwendung der Bogenform. 
Eine entscheidende Bedeutung gewinnt sie erst in der Schlusszeit der 
antiken Kunst.  
Etrurien hat ferner einen eigenthümlich gestalteten Tempelbau. 
Der Ursprung desselben geht ebenfalls in frühe Zeit zurück; er zählt 
aber nicht mehr zu den Elementen der pelasgischen, dem Orient sich zu- 
neigenden Cultur, bildet vielmehr den Ausdruck ausschliesslich, occiden- 
talischer Stammeseigenthümlichkeit. Er hat den entschiedenen Typus des 
Holzbaues nordischer Gebirgsvölker und ist somit als ein durch jenen 
Stamm der Rasener hereingeführtes Oulturelement zu fassen. Er enthält 
die Bedingnisse einer charaktervollen Entwickelung; das künstlerische 
Vermögen des etruskischen Volkes hat aber nicht hingereieht, diese Ent- 
wickelung nach den Gesetzen. in sich beschlossener Schönheit durchzu- 
führen. Er ist, was das Wesentliche seiner Anlage anbetrifft und abge- 
sehen von schmückender Zuthat, auf der primitiven Stufe verblieben, auf 
welcher das Gebot der materiellen Construction vorwiegt; er hat eine 
ideelle Verklärung dieses Gebetes nicht erstrebt, aber um so deutlicher 
allerdings sein Ursprüngliches bewahrt. 
Die Anschauung des etruskischen Tempels ist freilich durch erhaltene 
Monumente, in denen seine Eigenthümlichkeit vollkommen zu Tage träte, 
nicht zu gewinnen. Wir besitzen nur die in späterer Zeit abgefasste 
Anweisung zur Ausführung solcher Tempel (bei Vitruv IV, 7), nur ver- 
einzelte anderweitig literarische Nachrichten, nur wenig architektonische 
Bruchstücke und unter diesen nur äusserst geringe Reste rein etruskischen 
Styles, welche zum Beleg der Schilderung dienen können. Indess reicht 
auch dies Vorhandene zur Begründung des Urtheils hin. Die Grundfläche 
des Tempels war ein breites Viereck und wurde zur Hälfte durch das 
eigentliche Haus, zur Hälfte durch- eine offne, nur aus Säulen bestehende 
Vorhalle eingenommen. Das Haus enthielt, den Besonderheiten des etrus- 
kischen Götterdienstes gemäss, insgemein drei Cellen, eine breitere in der 
Mitte, schmalere auf den Seiten. Cellen und Vorhalle hatten eine ge- 
meinschaftliche, nordisch hohe Bedachung. Die architektonische Gliede- 
rung folgte durchaus den Bedingnissen der Holzconstruction. Die Säulen 
waren schlank undostanden in weiten Entfernungen, mit Untersatz lmd 
Aufsatz (Basis und Kapitäl) versehen. Ueber den Holzbalken des Archi- 
travs traten die_Köpfe der Querbalken stark hervor. Der Giebel war 
hoch, der Dachform gemäss; die Traufseiten des Daches ragten ebenfalls 
(das Regenwasser von den Grundmauern genügend abzuführen) in bedeu- 
tender Ausladung vor. Die Anlage war offenbar ebenso zweckgemäss (im 
constructiven Sinne) und charakteristisch, wie architektonisch unschön; 
von einem rhythmischen Wechselverhültniss zwischen den Theilen 11m1 
dem Ganzen, dem Tragenden und dem Genagenen, den Massen und den 
leeren Stellen, konnte hiebei keine Rede sein. Zugleich übel? War der 
seltsame Bau in der Regel, in dem grossen Giebelfelde und über diesem, 
auf dem Gipfel und den Ecken, reichlichst mit bildnerischer Zierde ver- 
sehen, so dass im Ganzen doch der Eindruck einer massigen, barock
        

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