Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1680765
Zwl 
ites Buch. 
Mühen. Hier krystzillisirte nicht das Leben in monotoner Masse um einen 
festen Mittelpunkt; vielmehr gliederte sich in reichster Mannichfaltigkeit 
das durch Gebirgszüge und tief einschneidende Buchten vielfach getheilte 
Land zu mancherlei Einzelgruppen, die für die Entfaltung eines individuell 
besondern Lebens den geeignetsten Spielraum boten. Hier endlich lockte 
die hafenreiehe Küste und die herrliche Lage inmitten dreier Welttheile 
zum Handel, zur Meerfahrt, zur Beweglichkeit des Denkens und 'l'raehtens. 
XXQt-si-liywxles Auf diesem bevorzugten Boden treffen wir nun ein Volk, das in seinem 
" "s Wesen die Vorzüge des Landes, gleichsam in höchster Potenz entwickelt, 
zur edelsten Blüthe entfaltet zeigt. War bei jenen Völkern des früheren 
 Alterthums irgend eine Seite menschlicher Begabung auf Kosten der übrigen 
ausschliesslich vorwiegend, dort die Phantasie, dort der grübelnde Ver- 
stand, dort die praktische Richtung nach Aussen: so sind in den Griechen 
jene Eigenthümlichkeiten auf's Edclste verschmolzen. Da nun keine zum 
Nachtheil der andern ausgebildet wurde, so erwuchs daraus einestheils ein 
Sinn für weises Maasshalten, welcher der kolossalen Ungeheuerliehkeit 
abhold war, anderntheils eine Harmonie der Durchbildung, welche den 
Menschen nach seiner sinnlichen und geistigen Seite zu einem in sich eini- 
 gen, geschlossenen Individuum ausprägte. 
lPir-ihcitssinxi. Hiermit hing der den Griechen innewohnende mächtige Trieb zur 
Freiheit zusammen. Selbst ihre alten Alleinherrschaften, die in der Heroen- 
zeit überall bestanden, waren weit entfernt vom Charakter asiatischer 
Despotie. Wir finden ihre Könige von einem Rathe der Aeltesten, Weisesten 
umgeben, und schon damals haben die Versammlungen des Volkes einen 
bestimmenden Einfluss auf die öffentlichen Angelegenheiten. Aus dem 
Sturze ener Herrschergeschlechter erblühte sodann def kräftige Baum 
staatlicher Freiheit, unter dessen schützendem Dache allein jene hohe Gul- 
turblüthe sich entfalten konnte, welche die Bewunderung aller Zeiten ist. 
Welch ein Gegensatz zu jenen despotisch regierten Völkern des Orients! 
Dort wurden alle Unternehmungen, auch die künstlerischen, von einem 
unumschränkten Herrscherwillen dictirt, dem die Masse des ausführenden 
Volkes sclavisch gehorchte. Daher in allen jenen Werken eine eintönige 
Kolossalität, welche den Mangel geistigfreien Gepräges durch das Massen- 
 hafte vergeblich zu ersetzen sucht. Bei den Griechen aber entsprangen jene 
herrlichen Kunstwerke dem lebendigen Sinne, dem thatkräftigen, selbst- 
bestimmenden Geiste des Volkes. Daher jene klar umgrenzte, mit plastischer 
Bestimmtheit sich von der N aturumgebung ablösende Gestalt der Bauwerke, 
die wie lebenerfüllte Individuen leuchtend vor uns stehen. 
Sinn fürMziuss Doch die Freiheit allein, dies Grundprincip griechischen Wesens, 
nnäggnm würde leicht in schrankenlose Willkür entartet sein, wenn nicht der an- 
geborne Sinn für Harmonie , für edles Maass zügelnd dazugetreten wäre. 
Es lebte in jenem Volke eine geradezu religiöse Scheu vor dem Ueber- 
triebenen, Maasslosen; aus allen ihren Schöpfungen weht uns wohlthuend, 
beruhigend dieser Hauch entgegen, und in ihren Tragödien ist das Ueber- 
schreiten jenes Grundgesetzes stets der Angelpunkt der tragischen Kata- 
strophe. Desswcgen war in ihren Freistaaten, selbst in den am meisten 
demokratischen, ein starkes aristokratisches Element vorhanden, aber es 
war die edelste, beste Aristokratie, die jeder gebildete GßiSt mit Freuden 
anerkennt, die Aristokratie der Edelsten, Besten.
        

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