Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1680715
Fünftes Kapitel. 
Aegyptische Baukunst. 
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schiedenen Säulen wechselnd, ebenfalls dem Pflanzcnreiche entlehnt ist.  
Spielender erscheinen endlich jene aus vier Isisköpfen zusammengesetzten 
Kapitale, auf Welchen der das Gebälk aufnehmende Deckstein in Gestalt 
eines kleinen Tempelchens ruht (Fig. 43). Sie gehören der spätesten Epoche 
ägyptischer Kunst an.  Gewöhnlich sind die Säulen 
FigJl in ihrer ganzen Ausdehnung mit bunten Figuren und 
 Hieroglyphen bedeckt, die in lebendiger Harmonie z.u 
 dem brillanten Farbenschmucke der übrigen Bautheile 
 stehen, aber gleich jenen, ja. noch ehr als sie, den 
 schwachen Punkt der ägyptischen Arclätektur verrathen. 
 Denn _die_ Saule busst duich dies blosse Iyleberziehen 
H,   mit bildlichem Schmucke einen giossen lheil ihiei 
 Würde und Kraft e1n, da die bunte Umhüllung nur die 
" 1' "l Eingebungen der XVillkür, nicht den nothwendig ge- 
Kmmä, w, Dende,.,h_ botenen Ausdruck entschiedenen Stützens zur Erschei- 
nung bringt.  Strenger dagegen sind die Pfeiler 
und Pilaster gebildet, deren sich der ägyptische Styl ebenfalls häufig 
bedient. Ihre mit Bildwerken geschmückten Flächen stützen ohne Ver- 
mittlung eines besonderen Gliedes die Steinbalken der Decke. An der Vor- 
derseite sind aber gewöhnlich aufrechtstehende menschliche Figuren ange- 
bracht, die indess, ohne zu tragen, sich bloss an die Pfeiler anlehnen. 
Dcnselben Mangel einer streng organischen Entwicklung offenbart die Gvsnmmt- 
Gesammtanlage der Tempel. Wie das Portal gleichsam in den Bau einge- Whg" 
schoben ist, Xvie sich diese Einschiebung bei jedem neuen Pylon wieder- 
holt, wie eine zweite und oft eine dritte Mauer innerhalb der Umfassungs- 
niauer sich umherzieht, wie endlich das innerste Heiligthum ebenso dem 
uinschliessenden Bau eingesetzt ist: so lässt sich dies Einschachte- 
lungssystem , wie man es treffend bezeichnet hat, in allen Theilen ver- 
folgen. Der ägyptische Tempel erscheint daher als ein Aggregat einzelner 
Theile, fähig, bis inls Unendliche Zusätze und Erweiterungen zu erfahren, 
wie dies nachweislich in der 'l'hat stattfand. Sodann ist zu beachten, dass 
der Tempel, nachdem er durch imposante Portale, Üorhöfe, Hallen den 
Sinn des Eintretenden gefesselt und auf das Höchste vorbereitet hat, all- 
mählich niedriger, enger, düsterer zusammenschrumpft, so dass da, wo 
würdigste Entfaltung, höchste Erhebung erwartet wird, niedrige Beschrän- 
kung eintritt und mit der Oede eines mystischen Schweigens antwortet. 
Dies hängt wieder eng mit dem Wesen ßmes Cultus zusammen, der in 
seinem Allerheiligsten keine lebenerfüllteh , VOIn Volksgeiste geschaffenen, 
sondern nur todte , durch Priestersatzung geformte Göttergestalten aufzu- 
weisen hatte. Nicht minder endlich ist die Eintönigkeit des ägyptischen 
Grundrisses, der sich überall in derselben unorganischen Zusammensetzung 
wiederholt, bezeichnend für das einer lebendigen Entwicklung unfähige 
Wesen jener Kunst. Denn auch hier begegnen wir zwar im Verlauf ihrer  
melirtausendjälirigen Existenz den natürlichen Fortschritten vom Einfachen 
zum Reichen und von da zum Spielend-Ueppigen: allein eine eigentliche 
Fortbildung der 1301m hat nur in geringem Maasse, eine Entwicklung der  
Construction gar nicht stattgefunden.  
Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass dieser Styl, im Vergleich Vfeserltligher 
mit den vorher betrachteten Bauweisen, eine unverkennbar höhere Stellung Iiorlschrlm
        

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