Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685642
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Sechstes Buch. 
Viertes Kapitel. 
Baukunst im neunzehnten Jahrhundert. 
Dur "neue 
Baustyl". 
Nutzbautuxl 
Das Eisen 
Mit Unrecht verlangt man schon jetzt einen nnellen Baustyla. Zunächst 
wird das ganze Leben sich seine dem neuen Inhalt entsprechenden Formen 
schaffen müssen. Unsere Architektur steckt bis jetzt noch tief im Eklekti- 
zismus und sucht sich meistens bei den einzelnen Aufgaben desjenigen Styles 
der Vergangenheit zu bedienen, welcher dem jedesmaligen Zweck am besten 
zu entsprechen scheint. Für den Kirchenbau arbeitet man meistens nach 
mittelalterlicher (gothischer oder romanischer) Schablone, für den Profanbau 
bietet die antike Formwelt in den Verschiedenen Auffassungen, welche sie 
im Lauf der Zeiten erfahren, den passendsten Canon dar. Ueberall aber 
macht es sich fühlbar, dass wir in einem knappen, praktischen Jahrhundert 
leben, dessen Wahlspruch bei den meisten selbst monumentalen Unter- 
nehmungen neben der Zweckmässigkeit auch die WVohlfeilheit ist. Bei sol- 
cher Richtung lässt sich dann freilich eine grossartige Entfaltung der 
Architektur nicht eben erwarten. 
Am meisten Originalität und Bedeutsamkeit offenbart das bauliche 
Schaffen der Gegenwart an den grossen Nutzbauten, die dem vorher nie 
geahnten massenhaften Völkerverkehr dienen. Hier ergibt sich. aus den 
neuen Elementen der Construction manche überraschend grossartige Schöp- 
fung. Bauten wie die Britannia-Röhrcnbrücke, der Viaduct über das Elstere 
thal, die österreichische Semmeringsbahn und die Gitterbrücken zu Dirschau 
und Marienburg stehen den riesigsten XVunderwerken aller Zeiten eben- 
bürtig. Bei den meisten dieser Bauten tritt das Eisen als ein vorher in 
diesem Umfang und dieser Ausschlicsslichkeit nicht benutztes Constructions- 
mittel auf, das in der Verbindung mit dem gebrechlichsten Material, dem 
Glase, jene ungeheuren Krystallpaläste von L on donuParis und S y den- 
ham entstehen liess, an welchen zum ersten Mal mit Hülfe dieser neuen 
Elemente grosse gegliederte Räumlichkeiten hergestellt worden sind. Dass 
daraus eine neue Form des Kunstbaues nicht hervorgehen könne, liegt auf 
der Hand: allein schon fehlt es in Frankreich und Deutschland nicht an 
bedeutsamen Versuchen, den neuen unentbehrlichen Factor der Construction, 
das Eisen, auf Monumentalbauten anzuwenden und das structive Element 
künstlerisch zu charakterisiren. Ein interessantes Beispiel dieser Art bietet 
Stillerk neues Museum in Berlin. 
Mitten im Gähren kämpfender Elemente verlieren wir so leicht den 
geschichtlichen Ueberblick; wir werden muthlos und verzagt. Aber es gibt 
eine ewige Entwicklung des Geistes; die leuchtenden Ideen, welche so 
manchen Jahrhunderten eine Fackel des Schönen und Grossen gewesen 
sind, wirken auch jetzt in unverminderter Kraft. Das absterbende Alte ist 
jeder schöpferischen Zeit eigen, auch der nnsrigen: aber es bildet nicht den 
ganzen Charakter, nicht den vollen Inhalt der Zeit. Wer an eine neuc grosse 
Entfaltung des ganzen Lebens glaubt, der weiss, dass auch die Baukunst 
eine neue Blüthc sehen wird. Die neugierigen Fragen nach ihrcr Form 
kann nur "die gmschichtliche Entwicklung beantworten.
        

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