Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685638
Viertes Kapitel. 
Baukunst im neulnzehnten Jahrhundert. 
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Bauschöpfungen der Vergangenheit schärfte. Sollefs Michaelskirche, ein 
romanischer Langhausbau, Stillcris Markuskirche, eine Polygonanlage in 
demselben Styl, und das Innere von Stracläs Petrikirche in norddeutsch- 
gothischer Bauweise sind hier mit Auszeichnung zu nennen. Im Uebrigen 
entfaltet die Berliner Schule besonders eine mannichfaltige und anziehende 
Thätigkeit im Privatbau. Wir meinen nicht die modernen Miethshäuser, 
die überall mehr oder minder schablonenmässig erbaut werden und dadurch  
Stoff zu den wohlfeilen 'l'iraden über die Uniformität des modernen Kaser- 
nenstyls gegeben haben. Als ob nicht die mittelalterlichen XVohnhäuser, wo 
sie in dichter Reihenfolge sich an den Strassen hinziehen, ebenfalls dieselbe 
Form in möglichster Gleichartigkeit wiederholten, nur dass in den hohen 
Giebeln die Selbständigkeit der einzelnen sich kund gibt ! Wo dagegen heutzu- 
tage wirkliche Wohnhäuser für besondere Familien errichtet werden, da zeigt 
sich die ganze individuelle Mannichfaltigkeit in der Entwicklung des Grund- 
plans und demgemäss der äusseren Gestaltung. Auch hier gab Sclzinkcl in 
seinenVillenanlagen bei Potsdam den ersten Impuls zu einer freieren Auf- 
fassung, in Folge deren sich für solche Anlagen zu Berlin eine Behandlung 
herausgebildet hat, die zwischen der regelmässigeren Gestalt des städtischen 
Wohnhauses und der ländlich-ungezwungenen Villa die Mitte hält. 
Ausser Deutschland ist eine lebendige, strebsame Entfaltung der mo- Frankrcicl 
dernen Architektur vorzüglich noch in Frankr eich zu finden. Sie wurde 
zuerst durch Percier schon seit dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts mit 
grosser Begabung angebahnt, indem der kalte römische Pomp der ersten 
Kaiserzeit einer geistvollen Wiederaufnahme der guten italienischen Renais- 
sance wich. Dies ist seitdem der Grundcharakter der französischen Archi- 
tektur, nur gelegentlich modificirt durch ein im hellenischen Sinn behandeltes 
Detail. Bedeutend ist in dieser Richtung besonders Hittmy" aus Köln, dessen 
Basilica S. Vincent de Paul ein interessantes Resultat solcher Bestrebungen 
darstellt. S0 hat auch Duban in dem Palais des beaux-arts ein Werk von 
edler Gesammtbaltung nach dem Vorgang der guten italienischen Renaissance 
geschaffen. Dieser tonangebenden Richtung ist man auch in B elgien ge- 
folgt, wo namentlich Roclandt im Justizpalast und der Universität zu Gent 
imposante Werke desselben Btylcharakters hingestellt hat. Glänzende Ge- 
legenheit; zur Anwendung einer üppig reichen decorativen Frührenaissance 
gab in Paris sodann seit 1836 der Ausbau des Hotel de ville, und endlich 
haben die grossartigen Bauunternehmungen des neuen Kaiserthums den 
Architekten in umfassendster Weise Veranlassung zu schöpferischer Thätig- 
keit gegeben.  Erst aus neuerer Zeit datiren im Gegensatz zu diesen 
Richtungen die Tendenzen auf Wiederbelebung der Gothik des 13. J ahrlr, 
die durch talentvolle Männer wie Lassus, Viollet- le-Du-c u. A. getragen 
werden und in der von dem Kölner Architekten Gau entworfenen Kirche 
S. Clotilde zu Paris, so wie in der Restauration vieler mittelalterlicher Bau- 
werke Gestalt gewonnen haben. 
In E n gl an d verwendet man für palastartige Anlagen noch immer eine Enghuui 
ziemlich nüchterne Barockarchitektur, für Landsitze, Kirchen, Colleges, 
Schulhäuser u. s. w. eine theils eben so nüchterne, theils überladene Gothik. 
Für letztere liefern die Parlamentshäuser von Barry ein grossartiges Bei- 
spiel. Am meisten hat mit Wort und That der eifrige Architekt Pugivz zur 
Aufnahme des gothischen Styls gewirkt. 
        

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