Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685608
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Sechstes Buch. 
der Vergangenheit die Gegenwart zu begreifen und ihre Anforderungen zur Gel- 
tung zu bringen strebt. Die wissenschaftliche Bildung, tiefer und universeller 
als je zuvor, beginnt nachhaltiger und wirksamer das Leben zu durchdringen. 
 Hegemonie Wir haben hier nur in kurzen Zügen diesen geistigen Umschwung 
 anzudeuten, um den Punkt zu gewinnen, an welchen die Betrachtung der 
heutigen Architektur anzuknüpfen ist. J enem allgemeinen geistigen Wie- 
deraufleben geht das speeiell künstlerische zur Seite. Auf architektonischem 
wie auf literarischem Gebiet ist Deutschland hier der Bannerträger der 
neuen Bewegung. In unserer Literatur repräsentiren YVinckelmann, Les- 
sing, Herder; Goethe, Schiller das Erwachen jener geistvollen, auf tiefstes 
Erfassen der griechischen Antike gerichteten modernen Gesinnung. Die 
 Vermählung von Faust und Helena ist ein sinniges Symbol von der Ver- 
schmelzung modern-germanischen Geistes mit antik-hellenischer Bildung. 
xL-ne 11161,- Die Architektur, die im Dienst eines aus unklarer Quelle geschöpften, 
 zuletzt unglaublich verwilderten Pr-incips allen Zusammenhang in sich und 
 mit dem Leben, dessen Ausdruck sie sein sollte, verloren hatte, folgte dem 
allgemeinen geistigen Zuge. In der Anschauung, im treuen Studium der 
 neu entdeckten Werke aus griechischer Blüthezeit fand sie ihre Läuterung 
 und YVidergeburt. Seit Stuart und Revelt begann ein eifriges, begeistertes 
Messen und Zeichnen der antiken Reste, und die wissenschaftliche For- 
schung war nun im Stande, die Geschichte der griechischen Baukunst in 
ihren wesentlichsten Umrissen zu entwerfen. 
Scliixrkol. Diese theoretisch-archäologischen Resultate in's wirkliche Leben ein- 
geführt, ihnen Körper und Seele gegeben zu haben, ist das unsterbliche 
Verdienst Sclzivzkells- (1781 _1841). Er erfüllte die entartete Architektur 
zuerst wieder mit dem reinen, keuschen Hauch antik-hellenischer Werke; 
er lehrte sie, die nach bacchantischem Taumeln erschöpft einherschwankte, 
, den elastischen, edel gemessenen Schritt griechischer Schönheit. Seine 
Säulenhalle des (alten) Berliner Museums, summt dem herrlichen Kuppel- 
saale, seine in dorischem Styl errichtete Hauptwache , sein genial con- 
cipirtes Schauspielhaus zu Berlin , endlich aber in grossartigster und 
vollendetster Weise die leider unausgeführt gebliebenen Pläne zum Schloss 
Orianda in der Krimm sind köstliche Zeugnisse von der Frische und dem 
feinen Geiste, mit welchem er die Antike wiederzugeben, von der hohen 
schöpferischen Freiheit, mit der er die griechische Formenwelt für die 
 verschiedensten Bedürfnisse des modernen Lebens zu verwenden wusste. 
fWie reich der Ideenkreis des Meisters war, wie selbständig er die ver- 
 schiedenartigsten Aufgaben von der niedrigsten bis zur höchsten zu lösen 
wusste, "beweist die Menge seiner Entwürfe, die nur zum Theil ausgeführt 
wurden. So entschieden war er jedoch von der Ansicht durchdrungen, 
welche die Antike als die Basis für die Neugestaltung der Architektur be- 
trachtete, dass er selbst die gothischen Formen in verwandten Sinne um- 
zugestalten suchte, ein Versuch , der an dem diametral entgegengesetzten 
Charakter dieses Styles scheitern musste. In eigenthümlich neuer und be- 
deutsamer Weise zeichnete er dagegen in seiner Bau akad e mie der Archi- 
tektur neue Bahnen vor, indem er von einer bewundernswürdigen Ausbil- 
dung des für unseren Norden entsprechendsten Materials, des B a ck s teins, 
ausging, dem auch das System der Construction in consequenter Weise 
sich anschloss.
        

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