Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685293
Zweites Kapitel. 
Renaissance in Italien. 
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kritisch-archäologisches Studium der antiken Ueberreste entgegen. Wie 
hoch man damals diese wissenschaftliche Thätigkeit schützte, erhellt allein 
aus dem Umstande, dass selbst ein Raphael damit beauftragt wurde, Jahre 
seines kurzen, kostbaren Lebens an die ofiicielle Erforschung der alten 
Denkmäler zu setzen.  x 
Die erste Folge dieses Strebens war, dass man die antiken Gliederun-Clmrakkcr 
gen strenger bilden und im Geist der römischen Architektur anwenden Stylm 
lernte. Das freie, oft phantastische Spiel, welches die Frühzeit damit ge- 
trieben hatte, war nun zu Ende; jenes willkürliche Wesen wich einer dem 
Organismus der Structur sich strenger anschliessenden Behandlung. Indess 
wie schon die römische Baukunst sich nur in decorativer Weise der aus dem 
Griechischen entlehnten und umgestalteten Einzelformen bedient hatte , so  
beansprucht auch etzt dieser Theil der Architektur nur eine conventionelle 
Bedeutung. In der Renaissance erzeugen sich die Grundverhältnissen das 
ganze bauliche Gerüst mit seiner Gliederung bis in's Kleinste nicht mit 
jener inneren Nothwendigkeit wie im griechischen und im gothischen Style:  
der constructive Kern hat vielmehr hier wie in der römischen Architektur 
nur eine aussere conventionelle Verbindung mit gewissen schmückenden 
Elementen geschlossen, deren Vollziehung durchaus vom freien Belieben 
des Künstlers abhängt. Dieses Verhältniss, das so recht ein Ausdruck des 
modernen Grundprincips, des Strebens nach individueller Freiheit ist, hätte 
zu den grössten Uebertreibungen und Ausartungen führen müssen, wenn 
nicht in dieser Zeit noch der Sinn für schönes Maass und Harmonie den 
Gesammtcharakter der ersten Epoche und der tüchtigsten Meister beherrscht 
hätte. Betrachtet man unter dieser Voraussetzung, was sie geleistet haben, 
so wird man die weise Mässigung in der höchsten Fessellosigkeit bewun- 
dernd anerkennen. 
Das Streben dieser Blüthezeit der Renaissance ist nun besonders auf Grüssrällnl 
Grossräumigkeit gerichtet. Die freie Disposition, das geniale Schalten mit M" 
bedeutenden Massen, die edle rhythmische Bezwingung derselben hat viel- 
leicht in keiner Zeit höhere Schöpfungen an's Licht gefördert. Doch hat Privntbar 
man diese vorzugsweise am Profanbau, namentlich an den Palästen, zu 
suchen. Hier wurde den Architekten völlig freie Hand gelassen, so dass 
sie die einzelnen Aufgaben in mannichfaltigster Weise lösen konnten. Für 
die Bildung der Facaden wurde nun das mittelalterliche System ganz 
verlassen. Man componirte mit horizontalen Schichten, indem man den 
ganzen Bau aus deutlich markirten Stockwerken sich aufrichten liess. Hier 
ist der Gegensatz zur gothischen Architektur, die aus verticalen Gliedern 
ihre Facaden zusammensetzte, recht anschaulich. Die trennenden Gegimse 
maass man nach der Höhe der Stockwerke ab, diese selbst aber wusste man 
so in Harmonie zu bringen, in so angemessener Weise die verschiedenen 
Etagen nach Höhe, Eintheilung und Profilirung zusammenzustimmen, dass 
gerade hierin eine der höchsten Leistungen dieser Epoche besteht. Eine 
untergeordnete Verticaltheilung durch Pilaster, wie man sie den antiken 
Theatern, besonders dem Colosseum, absah, belebt dann weiterhin die 
Flächen. Im Detail hält man sich einfach und streng an die römischen 
Vorbilder, mässigt die Decoration am Aeusseren , das in der Regel durch 
die herrliche malerische Wirkung, die rhythmische Gliederung der Massen 
allein sich geltend macht. Bei der zunehmenden Höhe der Stockwerke
        

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