Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685167
508 
Sechstes Buch. 
im" Kt 
Sam 
einem solchen Wust weltlichen Prunkes wie der Jesuitenorden, der, ein 
Kind jener Zeit, ihre Gebrechen und Vorzüge in reichstem Maasse theilt. 
Es wurde schon angedeutet, dass alle diese Zustände, von denen wir 
eine dürftige Skizze versuchten, im Mutterlande des modernen restaurirten 
Katholizismus, in Italien, ihre Höhe erreichen; dass im Norden, besonders 
aber in Deutschland, manche Verschiedenheiten, selbst Gegensätze sich 
herausstellen. Hier fechten die grossen Principien der Zeit ihre blutigen, 
langwierigen Entscheidungskämpfe , in deren Gefolge äussere Rohheit, 
Mangel an der eleganten formalen Bildung des Südens, aber dafür auch 
schlichte Tüchtigkeit, kernhafte Gesinnung sich ergaben. Inzwischen war 
unter hochbegünstigenden Verhältnissen der Süden auf künstlerischem Ge- 
biet so weit vorangeeilt, dass er dem Norden imponirte und ihn in einer 
gewissen Abhängigkeit hinter sich herzog. Wir werden dies Verhältniss 
bei der gesonderten Betrachtung jener Länder im Einzelnen darzulegen 
haben.   
Schon um 1420 griffen die italienischen Architekten, die den gothi- 
schen Styl nur äusserlich aufgenommen und selbst innerhalb seiner T radi- 
tionen sich bald dem Rundbogen wieder zugewendet hatten, mit Bewusst- 
sein zu den antiken Formen zurück, um eine rNViedergeburtmt der Baukunst 
herbeizuführen. Diese Renaissance ging von einem sorgfältigen Studium 
der antiken Ueberreste aus. Trotz der Rücksichtslosigkeit, mit welcher 
das baulustige Rom seit einem Jahrtausend die Prachtwerke der antiken 
"Zeit als Steinbrüche behandelt und ihrer kostbaren Säulen beraubt hatte, 
war damals noch ein ansehnlicher Rest grossartiger Bauanlagen vorhanden. 
Das ganze Mittelalter hindurch war man hier äusserlich und innerlich an 
die antike Tradition gebunden gewesen, ja in dem hochgebildeten Toskana 
fanden wir im 12. und 13. Jahrhundert eine freie Nachahmung antiker 
Formen , welche Musterwerke wie S. Miniato hervorbrachte. nDie Renais- 
sance hatten, wie Burckhardt sagt, nschon lange_ gleichsam vor der Thür 
gewarteta Was sie indess aus der Betrachtung der altrömischen Monu- 
mente gewinnen konnte, war nur ein formales Element, ein Canon bestimm- 
ter Gliederungen und Details: die Geammtanlage, die Vertheilung der 
Massen und Räume war ihr eigenes Verdienst. Jene Formen waren an den 
antikwömischen Gebäuden bereits abgeleitete, die sich nicht ohne eine 
Trübung ihres ursprünglichen Wesens anderen Zwecken anbequemt hatten. 
Die Renaissance schöpfte in dieser Hinsicht also aus zweiter Hand und 
verfuhr im Anfang um so willkürlicher , als man noch nicht die YVerke der 
bSSSCTEn und der entarteten Zeit zu unterscheiden gelernt hatte. Dennoch 
hätten die modernen Baumeister eben so wenig wie die altrömischen die 
feinen, auf geringe Dimensionen berechneten rein griechischen Formen ver- 
wenden können: ihre Architektur war wie die der alten Römer auf Gliee 
derung bedeutender Massen gerichtet, forderte daher eine ähnliche Umge- 
staltung der griechischen Details. Sie theilt folglich in ihren besseren 
Werken die Vorzüge und die Mängel der antik-römischen Bauten. Einen 
tiefen, lebensvollen Organismus würde man hier vergeblichsuchen; die 
Formen sind mehr in decorativem Sinn dem Baukörper aufgeheftet, ihm 
in mannichfacher, möglichst geschickter Weise angepasst. Aber so weit in 
organischer Hinsicht die Renaissance hinter der gothischen Architektur 
der guten Zeit zurückbleibt, so hoch übertrifft sie dieselbe in praktischer
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.