Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685158
Erstes Kapitel. 
Allgemeine Charakteristik. 
507 
That der gothische Styl gewesen, verliert zunächst mit dem mittelalterlichen 
Lebensprincip in der Kunst seinen Halt und versinkt in einseitigen Natura- 
lismus und Entartung. Aber auf demreligiösen Gebiete erfasst gerade 
Deutschland die Aufgabe der Zeit an der tiefsten Wurzel, und während 
seine Luther und Melanchthon die alte Kirche aus ihren Angeln heben, 
mag freilich die künstlerische Cultur für lange Zeit in den Hintergrund 
treten. Der Protestantismus muss erst sein Princip aus dem Wust 
erstarrter Ueberlieferung retten und es dann mit dem Schwert vertheidigen: 
seine künstlerische Verklärung bleibt einer späteren Zeit vorbehalten. 
In Italien rafft sich indess die alte kirchliche Autorität jenen anar- Dßrlnoäsylls 
chischen Bewegungen gegenüber zu äusserster Kraftanstrengung auf, ge- Kaiiidiliusm 
winnt den neuen Bekenntnissen manches bereits verlorene Terrain wieder 
ab , verliert aber immer mehr an innerer Reinheit und Wahrheit. Es ent- 
steht ein Katholizismus der forcirten Ueberreizung, der künstlichen Ver- 
zückung, der in den italienischen und spanischen Malern des sechzehnten 
und siebzehnten Jahrhunderts sich glänzend manifestirt. Die Religion ist 
nun Parteisache, Gegenstand der Agitation, willkommener Ableiter der lei- 
denschaftlichen Aufregung eines Inneren , das, des alten schlichten Glau- 
bens verlustig, im Rausch der Ekstase Schutz sucht vor dem Nagen des 
Zweifels. In dieser allgemeinen Gährung verliert auch die Sittlichkeit ihren 
letzten Halt, und es entsteht ein Haschen nach Aeusserlichkeiten, nach 
frivolem Geniessen, das in entfesselter Rücksichtslosigkeit seinem Ziele 
nachjagt. Recht und Sitte schwinden, und an ihre Stelle tritt Macht und 
Willkürliches Gelüsten.  
Und doch, so viele bedenkliche Züge das Angesicht dieser Zeit ent- Positive 
stellen, so leidenschaftliche Zuckungen darüber hinfahren, Klarheit und hlemenm 
Ruhe verdrängend: man darf sich nimmer irre machen lassen an dem gros- 
sen Gehalt, der sich dahinter birgt. So wenig die sittliche Anarchie der 
ersten christlichen Jahrhunderte gegen das Christenthum zeugen kann , so 
wenig wird das neue geistige Princip der freien Individualität durch die  
gefährlichen Wehen, unter denen es in die Welt tritt, in seinem Werthe 
geschmälert. Kein Wunder, dass es sich zuerst als zügellose Willkür offen- 
barte , da es in einer Zeit gewaltsamer Auflösung, atomistischer Zersplit- 
terung keine feste Grundlage gewinnen konnte und gleichsam in der Luft 
schwebte. Aber die unerschöpfliche Fülle von Geist, Muth und Lebens- 
kraft, die uns auf jedem Schritt begegnet, ist der Bewunderung werth, 
selbst wo sie, ihres Zieles unkundig, auf Abwegen irrt. Im Gegensatz 
gegen die früheren Zeiten, die mit dem positiv Gegebenen begannen und 
dasselbe zur Verwirklichung zu bringen suchten , fängt diese neue Epoche 
mit der-kritischen Auflösung des Gegebenen an, und ihre ungeheure Auf- 
gabe ist, aus der Zersetzung zur Zusammensetzung, aus der Trennung zur 
Einigung vorzuschreiten. Dass eine solche Aufgabe nur auf weitem, be- 
Schwerlichem Wege, auf Kosten manchen Umweges und Irregehens erreicht 
werden kann, ist nicht zu verwundern. Eben so wenig überrascht es, dass 
einer Zeit, welche ausschliesslich kirchlich zu sein und selbst dem Welt- 
lichen den Nimbus der Kirchlichkeit Zu geben sich bemühte, jetzt eine Zeit 
folgt, die innerlich weltlich ist, und deren ganze angebliche Kirchlichkeit 
ihren Schimmer von weltlichem Wesen borgt. In der Architektur spricht 
sich dies am Schlagendsten aus. Kein Orden überlud seine Kirchen mit
        

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