Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685144
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Sechstes Buch. 
zuspitzt. Auf die kräftigste Bewegung musste wohl der kräftigste Rück- 
 schlag folgen. Selbst für die Umgestaltung des gothischen Styles war diese 
veränderte Richtung von Einfluss. In den norddeutschen Bauten, wie in 
denen Italiens, herrscht ein ganz anderes räumliches Gefühl, als in den 
klassischen Leistungen dergothischen Frühzeit. Die einseitige Höhen- 
richtung wurde verlassen; man ging mehr in die Breite und dehnte sich 
mit Behagen auf der Erde aus. Wir erkennen auch darin deutlich den rea- 
listischen Zug der Zeit. 
Nßqß geistige Wie in der Kunst, so hatten im ganzen äusseren Leben die mittel- 
Rwhiimg" elterlichen Gedanken sich erschöpft. Neues vermochten sie nicht mehr her- 
vorzubringen. Die letzten Gestaltungen des gothischen Styls tragen jenes 
Gepräge innerer Auflösung und Principlosigkeit an sich, welches in Staat 
und Kirche mit Macht aller Orten hervorbricht. Eine tiefe Gährung hat 
sich der Geister bemächtigt; ein gewaltiger Drang nach YVissen und Er- 
kenntniss erfüllt sie. Aeussere Ereignisse, wie die Einnahme von Constan- 
tinopel durch die Türken (1453) , in Folge deren eine grosse Anzahl grie- 
chischer Flüchtlinge die Kunde antik-hellenischer Literatur im Abendlande, 
zunächst in Italien, mehr und mehr ausbreitet, kommen diesem inneren 
Drange zu Statten. Ein gelehrtes Studium von einer Tiefe und einem Um- 
fang, wie keine Zeit vorher sie gekannt hatte, bahnt einer neuen Wissen- 
schaftlichkeit den Weg und gibt Ersatz für die Tradition, auf der in alter 
N aivetät zu fussen man verlernt hat. An die Stelle des Glaubens tritt der 
Durst nach Wissen, an die Stelle der allgemeinen Autorität das nach per- 
sönlicher Freiheit ringende Individuum. Der Geist der Forschung dringt 
selbst in das Heiligthum der Kirche, ringt wie einst der Erzvater mit dem 
Göttlichen und erklärt sich der überlieferten Satzungen ledig. 
Swatliche Auf politischem Gebiet kommt die neue , das Recht des Individuums 
Umgcstan""g'proclamirende Richtung zunächst dem Absolutismus Einzelner zu Gute. 
Das souveraine Fürstenthum erhebt sich auf den Trümmern der längst durch 
 innere Parteiungen zerrütteten bürgerlich freien Verfassungen, und im 
Ringen nach Herrschaft und Besitz entbrennen langwierige Kriege, in deren 
Verlauf und Gefolge die erschöpfte Welt eine völlig veränderte Physiognomie 
bekommt. 
Italien und Doch scheiden sich in dieser Epoche Italien und der Norden in ganz 
d" Nmdem besonderer Weise. Zuerst tauchen die reformatorischen Gedanken im Süden 
auf, und recht eigentlich im Schooss der Kirche bricht die wildeste Auf- 
lösung hervor. Italien hatte im Beginn des Mittelalters seine roheste Zeit 
gehabt und war damals hinter den nordischen Ländern zurückgeblieben. 
Seitdem über hatte es in jeder Bildung so bedeutende Fortschritte gemacht, 
dass es den Norden zu überflügeln beginnt. In der goldenen Epoche der 
neueren Zeit, etwa von 1450 bis 1550, feiern die Wissenschaften, Poesie 
und bildenden Künste hier ihre glorreichste Entfaltung. Dagegen werden 
die kirchlich-reformatorischen Bestrebungen mit Gewalt erstickt, während 
jene anderen nicht minder gewaltigen Reformatoren, Lionardo da Vinci, 
Raphael, Michel Angele, Titian, Correggio, von der kirchlichen Autorität 
selbst sich gehegt sehen. Italien, das Land der heidnischen Sympathien, 
der antiken Ueberlieferungen, begann am frischesten aufzuleben, als die 
mittelalterlichen Anschauungen vor dem Geist der neuen Zeit zusammen- 
brachen. Der germanische Norden dagegen, dessen höchste künstlerische
        

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