Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685138
ERSTES 
KAPITEL. 
Allgemeine 
Charakteristik. 
Die gothische Architektur hatte in der letzten Hälfte des Mittelalters eine 
Universalherrschaft geübt, wie kein Baustyl jemals vorher. Wir sahen sie 
entstehen, sich mit unwiderstehlicher Gewalt und wunderbarer Schnelligkeit 
über alle Länder der Christenheit verbreiten, dann aber nach kurzer Blüthe- 
zeit allgemeiner Entartung anheimfallen. Sie theilte das Loos aller irdischen 
Erscheinungen: hinzuschwinden, zu erlöschen, wenn die innere Lebenskraft 
aufgezehrt ist. Dies Schicksal vollzog sich an ihr um so eclatanter, je 
strenger die Gesetzmässigkeit ihres Systems war. Sobald ihr Organismus 
sich lockerte, sobald die Decoration sich von der Oonstruction löste und in 
willkürlichen Gebilden auf der Oberfläche ein wenn auch noch so glänzen- 
des Sonderleben ausbreitete, war die vernichtende Axt an die Wurzel des 
herrlichen Baumes gelegt. 
Es verlohnt sich Wohl der Mühe , nachzusinnen, woher dieser rasche 
Verfall, aus welchen tieferen Gründen er zu erklären sei. Da ist denn vor 
Allem nicht zu übersehen, wie der innerste Lebensodem jenes Styles in der 
idealen Begeisterung, dem schwungvollen Spiritualismus seiner Zeit lag, 
der um so rascher verfliegen musste, je weniger er auf die Dauer den realen 
Mächten des Lebens gegenüber ausreichte. Seit dem vierzehnten Jahrhun- 
dert wird die Reaction dieser realen Mächte fühlbar; in allen Sphären des 
Daseins bricht sie hervor, in der Umgestaltung des Staatlichen und gesell- 
schaftlichen Lebens, in der Poesie, in den bildenden Künsten, in der Bau- 
kunst. Ein realistischer Grundzug klingt immer vernehmbarer aus den 
Weisen der Dichter, spricht aus den Arbeiten der Bildhauer und der Maler- 
Die allmählich etwas leer gewordenen idealen Typen, die sanft hingeschmieg- 
tßn Gestalten, in denen die Seelenhafte Innigkeit der Empfindung nach- 
gerade conventionell geworden war, weichen einer entschiedenen Nach- 
ahmung der Natur, des individuellen Lebens, die merkwürdiger Weise 
gerade in enen nordischen Ländern, wo der gothische Styl seine idealsten 
Werke geschaffen hatte, sich zu schärfster naturalistischer Einseitigkeit 
Rüukbl 
Verfall des 
goth. Siiyls.
        

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