Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1685050
Drittes Kapitel. 
Gothischer Styl. 
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lnPisa ist; der berühmte Campo santo , der neben dem Dom liegende 
Friedhof, ein Werk des Giovanni Pisano , vollendet im J. 1283 , hervor- 
zuheben: ein Denkmal, einzig in seiner Art. In heiliger Begeisterung 
liessen die meerbeherrschenden Bürger der Stadt die Erde zu dem neuen 
Friedhofe in Schiffen aus dem gelobten Lande herbeiholen. Hohe Hallen, 
rundbogig nach dem inneren Raum auf Pfeilern sich öffnend, umgeben den 
weiten Hof. Die Bögen sind mit edel gothischem Masswerk gefüllt. 
Eine Sonderstellung unter allen Denkmälern Italiens nimmt der Dom 
zu Mailandf) ein. Im J. 1386 durch einen Deutschen, Meister Iieinrfclt 
(Arier?) von Gmünd, begonnen, schliesst er seinem Grundriss nach sich 
auffallend an das in deutschen Kathedralen, namentlich im Kölner Dom 
herrschende System an (vgl. Fig. 4 18 mit Fig. 318). Das fünfschiffige Lang- 
haus, von einem dreischiffigen Querbau durchschnitten, der polygone, mit 
niedrigem Umgang schliessende Chor, die enge Stellung der Pfeiler, das 
Verhältniss des Mittelschiifes zu den nur halb so breiten Seitenschiffen, das 
Alles erinnert an den Kölner Dom. Dennoch ist der Eindruck ein fast diametral 
verschiedener. Nicht allein, dass die gebündelten Pfeiler nüchtern und stumpf 
gebildet sind, hässlich schwülstige Basen und über den Kapitälen schwer- 
fällige Tabernakelarchitekturen mit Statuen haben: auch die Höhenent- 
Wicklung ist eine wesentlich abweichende. Von dem Mittelschiff aus stufen 
sich die Schiffe um ein Geringes an Höhe ab, so dass die Oberwände sich 
niedrig mit beschränkten Lichtöffnungen gestalten,_ und die Gesammtwir- 
kung einen hallenartigen Charakter gewinnt. So ist das Mittelschiff bei 
52 Fuss Weite 146 Fuss hoch, die beiden Seitenschifie haben bei 22 Fuss 
Weite eine Höhe von 96 Fuss für das innere, von 74 Fuss für das aussere 
Seitenschilf. Auch das Querschiif, auf dessen Vierung "sich eine Kuppel 
erhebt, tritt nicht weit vor und hat an jeder Facade eine kleine polygone, 
unorganisch angesetzte Nische. Der Chor schliesst nüchtern in dreiseitiger 
Form mit einem Umgang, aber ohne Kapellenkranz , denn die äussersten 
Seitenschiffe enden hier ganz unmotivirt mit geradem Wandschluss. Auch 
am Aeusseren waltet die Horizontale entschieden vor , und so verschwen... 
derisch eine Fülle decorativer Einzelformen, Fialen mit zierlichen Krabben, 
Baldachine mit Statuen, verticales Stabwerk und reiche Fensterkrönungen 
darüber ausgestreut sind, so staunenswerth die WVirkung des durch und 
durch aus weissem Marmor aufgeführten Riescnbaues, der an Ausdehnung 
den Kölner Dom weit hinter sich lässt, bleiben wird: einen organischen 
Eindruck kann das Werk nimmermehr machen. Treifend sagt daher Burck- 
hardt in seinem nCiceronea: nDer Dom von Mailand ist eine lehrreiche 
Probe , wenn man einen künstlerischen und einen phantastischen Eindruck 
will von einander scheiden lernen. Der letztere , den man sich ungeschmä- 
lert erhalten. möge, ist hier ungeheuer: ein durchsichtiges Marmorgebirge, 
hergeführt aus den Steinbrüchen von Ornavasco , prachtvoll bei Tage und 
fabelhaft bei Mondschein; aussen und innen voller Sculpturen und Glas- 
gemälde, und verknüpft mit geschichtlichen Erinnerungen aller Art  ein 
Ganzes, dergleichen die Welt kein zweites aufweist. Wer aber in den 
Formen einen ewigen Gehalt sucht und weiss, welche Entwürfe unvoll- 
endet blieben, während der Dom von Mailand mit riesigen Mitteln voll- 
l)om zu 
Mailand. 
 Franchetti  Storia. e 
Lü b k e , Geschichte d. 
descrizione del Duomo di Milnnu, 
Architektur. 
Milano 1 321
        

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