Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684998
Drittes Kapitel. 
Gothischer Styl. 
491 
Schönheit der Verhältnisse, höchstem Adel der Durchhildung und meister- 
hafter Vollendung der Gewölbe. Die feinen Rippen schwingen sich von den 
eleganten, schlanken Granitsäulen nach allen Seiten wie ein hohes Palmen- 
dach empor, das den Eindruck der Zierlichkeit mit dem der Würde paart. 
 Andere kleinere Schlösser des Ordens in Ostpreussen bieten manches 
Verwandte in Anlage und Behandlung, so das Schloss zu Heilsberg  
In 
Italien, 
Spanien 
und 
Portugal. 
In ein von den übrigen Ländern durchaus verschiedenes Verhältniss 
trat Italien 2) zur gothischen Architektur. Hatten die nordischen Völker in 
dem neuen Style den Ausdruck ihres eigensten Wesens gefunden und ihn 
demnach mit hoher Lebensfreudigkeit und Begeisterung erfasst und ent- 
wickelt, so nahm man in Italien nur von der allgemeinen Zeitströmung über- 
wältigt ihn auf und bequemte sich ihm in äusserlicher Weise an. Hier war 
er Ergebniss der Mode, nicht der Nothwendigkeit; nicht Sache des Her- 
zens, sondern der Convenienz. Schon in romanischer Zeit hatte die ent- 
wickelte Gewölbkirche nur in den mehr mit germanischen Elementen 
gemischten Theilen des Landes sich Bahn gebrochen; in Rom wie in dem 
feingebildeten Toskana war man bei der flachgedeckten Basilika, bei den 
antiken Traditionen stehen geblieben. Der heiter-behagliche Sinndes Südens 
liebte mehr weite, freie, breitgelagerte Räume von mässiger Erhebung und 
ausgedehnten Wandiiächen, an denen sich der gestaltungsfreudige Trieb 
des Volks in farbiger Bilderschrift ergehen konnte. 
_Unter dem Einfluss dieser Sinnesrichtung musste der gothische Styl, 
so streng und starr sein System auch war, dennoch das Haupt beugen. 
Freie, weite Raumdispositionen von massiger Höhe bleiben nach wie vor die 
überwiegende Tendenz der italienischen Architektur. Die Abstände der 
Pfeiler, die Schiffbreiten sind leicht und weit; die Richtung geht mehr in 
die Breite als in die Höhe. Das Aufstrebende des Styls wird daher nur 
bedingt zugelassen, und durch die mächtig ausgesprochene Horizontale in 
Schranken gehalten. So erhebt sich auch das Mittelschiff in geringerem 
Maasse über die Abseiten, und hat in seinen Oberwänden geringe Licht- 
öifnungen. Diesem Verhältniss analog gestaltet sich die Pfeilerbildung 
wesentlich verschieden. Der schlanke Bündelpfeiler, der das rastlose Auf- 
steigen so lebendig vertritt, weicht einem mehr körperlichen, vier- und 
achteckigen Pfeiler oder einer Rundsäule; die Gewölbrippen haben statt 
des scharf elastischen Profils eine mehr breite , rundliche, durch aufgemalte 
Muster belebte Form. Besonders aber werden die Wandflächen wieder in 
ihr Recht eingesetzt, indem der Umfang der Fenster gemindert wird. Auf 
diesen VVandfeldern entwickelte sich die italienische Malerei zu jener Höhe. 
welche die Bewunderung aller Zeiten ist. Am Aeusseren herrschen in glei_ 
cher NVeisedie ruhige Fläche und die Horizontallinie vor. Der Strebe- 
pfeiler , der im Norden den ganzen Bau überwuchert, wird auf das durch 
die Construction, durch seine Bedeutung als YViderlager erforderte Maass 
zurückgeführt und als einfacher Mauerstreifen, nach Analogie der Lisenen 
des romanischen Styls, behandelt. Kräftige Gesimse betonen die horizontale 
Italienisch- 
goth. Styl. 
Grundzüge. 
1) Aufnahmen in F. v. Quasfs Denkm. 
2) Vgl. die Literatur auf S. 347. 
d. Baukunst in Preussen. 
l. Lfg. F01. Berlin 
1852.
        

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